Weltanschauung und Glaubenslehre

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Alfred Rosenberg


Weltanschauung und Glaubenslehre

Von den im Jahre 1938 gehaltenen Vorträgen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, nimmt die zur feierlichen Eröffenung des Wintersemesters am 5. November 1938 gehaltene Rede über „Weltanschauung und Glaubenslehre“ eine besondere Stellung ein. Rosenberg vollzieht mit dieser Rede eine klare Abgrenzung der Begriffe Weltanschauung und Glaubenslehre, zwischen der charakterbetonten Lebenshaltung des Nationalsozialismus und den metaphysischen Behauptungen und konfessionell bestimmten Dogmen. Die nationalsozialistische Weltanschauung ist kein Glaubensersatz, sondern eine autonome geistige Bewegung, ein Kampf um die germanisch-deutschen Charakterwerte.


Immer wieder wird die NSDAP. in den letzten Jahren angesichts der bewegten Geisteskämpfe unserer Zeit gefragt, ob die Begriffe von Weltanschauung und Glaubenslehre identisch seien. Vielfach wird eine Gleichsetzung vorgenommen, und vielleicht hat auch mancher Nationalsozialist beide Worte zur Kennzeichnung des geistigen Umbruchs angewandt, während gegnerische Seiten wiederum von einem „Glaubensersatz“ des Nationalsozialismus gegenüber den bestehenden Konfessionen glauben sprechen zu müssen. Es mag deshalb einmal untersucht werden, inwieweit hier wesentliche Unterschiede zwischen nationalsozialistischer Weltanschauung und dem, was man mit Recht eine Glaubenslehre nennen kann, bestehen.

Von vornherein darf bemerkt werden, daß, wenn es sich um die Bezeichnung einer inneren festen Zuversicht an den Sieg eines neuen ideals handelt, wir zweifellos von der Lehre eines starken Glaubens an die Sendung unserer Zeit sprechen können. Dagegen, wenn wir darunter eine Festlegung auf bestimmte metaphysische Überzeugungen verstehen wollen, so fühlt sich die nationalsozialistische Bewegung im Zustande ihrer heutigen Entwicklung nicht von dem Willen getragen und fühlt sich auch nicht bereichtigt, hier Normen und neue Katechismen aufstellen zu wollen.

Um zu dieser ganzen Frage innerliches Verständnis aufzubringen, scheint es notwendig, uns die geschichtliche Entwicklung des nationalsozialistischen Denkens einmal bewußt vor Augen zu führen. Es ist vollkommen klar, daß nicht jeder, der sich einst zum nationalsozialistischen Kampf bekannte, imstande war, alle Konsequenzen politischer und weltanschaulicher Art, die sich mit diesem Entschluß verbanden, zu überblicken. Es ist ja stets bei der Entwicklung großer Bewegungen so gewesen, daß eine Persönlichkeit oder eine Gruppe von entschlossenen Menschen sich aus innerem Instinkt gegen eine bestimmte Lebensordnung aufbäumten und einen Protest gegen für sie unhaltbare Zustände begannen. Dann zeigte sich aber, daß dieser eine Protest eine Reihe tiefliegender Fragen aufwarf, neue Gefühle weckte und daß nunmehr nach dem einen Schritt auch andere Probleme klare Lösungen forderten. Und so haben die Wellen eines großen Lebens auch die manchmal zurückhaltenden Reformbewegungen politischer und weltanschaulicher Art viel weiter getragen, als es ursprünglich im bewußten Willen der Begründer lag. Gerade Martin Luther ist wohl ein besonders großes Beispiel für diese historische Tatsache. Er wollte ingestandenermaßen nur schreiende Mißstände der Kirche beseitigen, und da stellte sich heraus, daß diese Mißstände gar nicht anders überwunden werden konnten als durch eine Änderung eines gesamten Gedankengefüges und einer gesamt-kirchlichen Ordnung, die diese sogenannten Mißstände ja zur inneren Voraussetzung hatten. So wurde aus einem kirchlichen Reformprotest eine revolutionäre Bewegung, die, vom Instinkt des ganzen damaligen deutschen Volkes ergriffen, eine der entscheidendsten Revolutionen der europäischen Geschichte darstellt.

Ähnlich ist es, im großen gesehen, auch der nationalsozialistischen Bewegung ergangen. Wenn auch der Führer und eine kleine Gruppe von Menschen die Konsequenzen des ersten vollzogenen Schrittes bei einer Fortentwicklung wohl überblickten, so haben doch Millionen sich zunächst zu dieser Bewegung nur aus einem unmittelbaren Charakterprotest bekannt. Sie lehnten ab die Knechtseligkeit der Novemberrepublik, sie waren aufs Tiefste empört über die marxistische Korruption, über die Herrschaft der jüdischen Rasse im deutschen Volke und vor allen Dingen, sie konnten und wollten nicht zugeben, daß mit diesen unseligen Novembertagen 1918 die deutsche Geschichte gleichsam ein Ende genommen hätte, und das deutsche Volk für immer zu einer Sklavennation erniedrigt worden wäre. Solche Worte, wie die des jüdischen Reichstags-Abgeordneten Cohn, der in einem sogenannten Deutschen Reichstag zu erklären wagte: es sei jetzt dafür gesorgt, daß im deutschen Volke niemals mehr ein Friedrich der Große aufsteigen würde, prägten sich in die Herzen vieler Deutschen ein, und es entstanden überall Widerstandszentren gegen die Schande dieser Zeit.

Geschichtlich steht ja nunmehr fest, daß hierbei die nationalsozialistische Bewegung die großen Probleme auch grundsätzlich gesehen hat und deshalb auch gefestigter und der Vergangenheit gegenüber entschlossener den Kampf führen konnte als andere Gruppen, die zwar aus einer innerlichen Abwehr, aber ohne politischen Fernblick das große Ringen begannen.

Die nationalsozialistische BEwegung war bereit, mit allen jenen Kräften zusammenzugehen, die eine große Zukunft Deutschlands wollten, auch wenn noch soviel Traditionsmomente noch nicht überwunden waren. Doch kaum hatte sich das erwachende Deutschland geführt, da kam der Gegenstoß nicht nur von Seiten des Marxismus, sondern auch von Seiten einer christlichen Konfession. Auf dem Katholikentag in Konstanz 1923 wurde das programmatische, später immer erneut wiederholte Wort gesprochen: daß der Nationalismus die größte Häresie unseres Jahrhunderts sei! Also zu einer Zeit, da fremde Gewaltmenschen über Deutschland regierten und die Haltung der Nation einen glühenden Nationalismus, das heißt, glühende Liebe zum Volk forderte, um dieses Volk wieder retten zu können, wurde im Namen einer Konfession der Kampf gegenüber diesem deutschen Erwachen erklärt. Dieser Kampfruf ist später oft wiederholter allgemeiner Grundsatz aller alten Parteien geworden. Er fand aber seine symbolische Kennzeichnung in der Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses des treu katholischen Nationalsozialisten Gauleiter Peter Gmeinder in Frankfurt. Diese kirchliche Haltung hat bei allen Nationalsozialisten eine große Frage emporsteigen lassen: ob man nämlich überhaupt eine entscheidende rettende Änderung herbeiführen könne, ohne nicht eine Anschauung vom Leben gänzlich zu überwinden, die sich in schwerster Schicksalsstunde gegen das deutsche Leben und seine Kraft überhaupt wandte. Aus dem Protest gegen die marxistisch-jüdische Korruption und gegen den Parlamentarismus erwuchs also nach und nach eine tiefergehende Kritik der ganzen Demokratie, aus der Erkenntnis der Rassenkunde eine prinzipielle Ablehnung der jüdischen Gegenrasse, und aus der Kritik des politischen Zentrums wurde eine weltanschauliche Kritik der hinter diesem Zentrum stehenden universalistischen Lehre. So hatte denn die NSDAP. sich dem Schicksal gestellt und hat, fortlaufend vom Leben getragen und durch die Haltung der Gegner gezwungen, eine immer tiefere Überwindung nicht nur der Lehren der letzten 150 Jahre der Demokratie, sondern auch der noch wirkenden Werte des Lebens eines ganzen Jahrtausends eingeleitet.

Geschichtlich gesehen: der Nationalsozialismus mußte nach und nach in seinem politischen Kampf einsam werden und aus dieser Kraft der Einsamkeit erst allmählich die kämpferischen Einzelmenschen sammeln. Und er mußte fortschreitend auch weltanschaulich immer einsamer werden, um aus dieser inneren Zurückgezogenheit dann nach und nach seine Charakter-, Gefühls- und Gedankenwelt zu bauen. Wie wir politisch im großen Kampf eine verschworene Kameradschaft bildeten, so entstand daraus folgerichtig auch eine immer stärker werdende weltanschauliche Gemeinschaft, und die Distanz gegenüber jenen, die angeblich unsere Seelen versorgen wollten, aber politisch im Lager der Feinde des deutschen Volkes standen, wurde von Jahr zu Jahr immer bewußter und immer größer. Das Gefühl in der deutschen Jugend wurde immer lebendiger, daß sie nicht zu Füßen jener sitzen konnte, die ihren Vätern einst das christliche Begräbnis verwigerten oder alle Konfessions- und Glaubensmittel einsetzen, damit der weltliche Arm diese Väter einsperre oder erschieße.

Diese Betrachtung zeigt für uns alle heute schon sichtbar die eine Tatsache, daß es für die nationalsozialistische Haltung gar nicht einen sogenannten „Glaubensersatz“ in Anlehnung an geschichtliche Bektnntnisse geben kann, sondern daß die nationalsozialistische Weltanschauung autonom neben allen geistigen und politischen Institutionen unserer Zeit entstanden und immer bewußter emporgewachsen ist. Da sie aus deutschem Charakter kommt, wird sie in ihrer Entwicklungslinie zweifellos stets große Verwandtschaft aufweisen mit der allgemeinen Charakterhaltung jener Großen der Vergangenheit, die ebenfalls einmal den Mut gefunden hatte, erstarrte Krusten abzuwerfen und, wenn nötig, ihre Sache auf nichts zu stellen, als sie sich auf die große Wanderschaft, auf die Suche nach einer neuen Ordnung des Lebens begeben hatten.

Und noch eine andere geschichtliche Betrachtung ist es, die uns eine Handhabe zur Beurteilung der Kerngedanken unserer Bewegung ermöglicht.

In allen Großstädten meldeten sich deutsche Arbeiter zur Partei und kämpften in unserer SA. Sie nahmen Spott und Lebensbedrohung seitens der Kommunisten auf sich. Sie gingen im Braunhemd durch die rotesten Viertel zu ihrem Dienst, und Tausende sind auf Grund dieses Bekenntnisses überfallen, mißhandelt und verwundet worden; viele haben diesen ihren Einsatz mit dem Leben bezahlt. Das Wort „Heil Hitler“ war damals Bekenntnis und Kampfruf, Symbol einer neu entstehenden Seelengemeinschaft. Mit diesem Wort auf den Lippen starben auch unsere Kameraden in der Ostmark, unter dem Würgegalgen der modernden Vertretung der Gegenreformation.

Zwei Beispiele aus der Hitler-Jugend mögen dabei zeigen, wie tief in jugendlichen Herzen der Umbruch unserer Zeit gewesen ist:

In der Kampfzeit sprach in einer Stadt des Ruhrgebietes eine führende Persönlichkeit der Bewegung über den Kampf unserer Epoche. Ein Junge wurde von diesem Vortrage so berührt, daß er seit dieser Zeit nichts anderes kannte, als überall für die Bewegung zu werben. Er überzeugte seine Eltern, er wirkte selbst voll Leidenschaft bei seinen Lehrern. Nach dem Umbruch war der Junge unermüdlich für die HJ. tätig; er zog sich dann eine schwere Krankheit zu, die ihm den Tod bringen sollte. Kurz vor seinem Hinscheiden sagte er seinem Vater, er bäte doch darum, daß dieser Führer, der damals in seiner Heimatstadt gesprochen habe, die Rede an seinem Grabe übernehmen sollte. -

In diesem Jahre starb in einer großen Industriestadt am Rhein ein anderer Hitlerjunge. Auf seinem Sterbebett fragte er seinen Kameraden von der HJ.: „Gebietsführer, habe ich meine Pflicht getan?“ Und als das bejaht wurde, da ist er ruhig gestorben. -

Diese Tatsachen, die sich in diesen Jahren im ganzen Reiche zeigten, aber noch lange nicht gesammelt und niedergelegt worden sind, sie beweisen doch wohl eines: daß hier die innere Überzeugung von der notwendigen Abkehr von alten Ordnungen des Lebens so stark war, daß Hunderttausende auch ohne Versprechungen jenseitiger Verheißung sich bereit erklärten, Eigentum und Familie und Leben für die Erringung eines neuen Inhalts einzusetzen.

Wenn nunmehr, manchmal mit Vorwurf und manchmal mit fordernder Miene, von der nationalsozialistischen Bewegung erwartet wird, daß sie an die Stelle der alten metaphysischen Gedanken neue Katechismen und Versprechungen niederlegen sollte, so muß sie erklären, daß sie heute nicht die Absicht einer Kodifizierung derartiger Glaubenssätze hat. Sie glaubt an ein großes, für den Einzelnen nicht faßbares Schicksal, sie kann sich aber nicht verpflichten, metaphysische Überzeugungen als Dogmen der Partei zu verkünden. Worum es sich also handelt, ist nicht die Festlegung metaphysischer Behauptungen, sondern ein noch nie dagewesener Riesenkampf der germanischen Werte und des deutschen Charakters gegenüber sonstigen bestehenden Lebenswerten und sozialen Ordnungen. Der Kampf um ein neues Ideal ist uns nicht erspart geblieben. Niemand von uns hatte einen einlösbaren Wechsel über die Zukunft erhalten, sondern aus einem innersten Charakter heraus sind die Nationalsozialisten einmal angetreten, ohne nach Lohn oder Strafe im Jenseits zu fragen, nur aus der tiefsten Überzeugung, daß der Einsatz für die edelsten Werte der Nation niemals einer wirklich echten schöpferischen Lebensordnung widersprechen und niemals mit einer innerlich ehrlichen metaphysischen Überzeugung in Widerspruch treten könnte.

Jede große Bewegung beginnt deshalb mit den Opfern, die sie gebracht hat, einen tiefen Sinn zu verbinden. Diese Opfer werden zu Märtyrern, zu Symbolen einer neuen weltanschaulichen Haltung. An sie alle erinnert der Marsch des 9. November, der alljährlich in München stattfindet. Auf dem Wege des Zuges, den wir jedes Jahr gehen, ertönen Schritt für Schritt die Namen all jener, die in Großdeutschland für das neue Reich gefallen sind, und am Königlichen Platz stehen die 16 Sarkophage wie moderne Hünengräber als Gleichnisse dieser gesamten Opfer. Die Ewige Wache ist das mahnende Zeichen dafür, daß niemals Deutschland diese innere Umkehr aus tiefster Verzweiflung zur größten Wiedergeburt jemals vergessen darf. Sie alle aber sind nicht gestorben für eine metaphysische Doktrin, nicht für das eine oder andere Bekenntnis, sondern setzten ihr Leben ein in der Überzeugung, daß sie ein ganzes großes Volkstum mit ihrem Kampf verteidigen mußten, und daß diese Hingabe an die höchsten Werte ihrer Nation zugleich den Einsatz einer göttlichen Vorsehung darstellte.

Von hier aus gesehen werden wir eines der schönsten Worte Immanuel Kants so recht begreifen können, das vielleicht der Metaphysik von früher unbequem gewesen sein mag, aber so recht unserer heutigen Haltung entspricht. Er sagt über die Moral als Kern der Metaphysik:

„Die Moral ist nicht eigentlich die Lehre, wie wir uns glücklich machen, sondern wie wir der Glückseligkeit würdig werden sollen.“

Damit ist die entscheidende Umkehr von überweltlicher Spekulation auf den Kampf der Charakterwerte vollzogen worden.

Diese Worte, um die es sich hier handelt, kennen wir alle als inneres Erlebnis. Alle unsere Kämpfe sind getrieben worden von einem uns allen gemeinsamen Gefühl der nationalen Ehre. Was früher aufgespalten in verschiedene Standesbegriffe als Ehrbegriff vorhanden war, das quoll plötzlich empor als eine gemeinsame Haltung aller guten Deutschen, durchbrach alle Konventionen und war jene geheimnisvolle Kraft, die Menschen aller Stände und Berufe zusammenschweißte zu einem neuen, heute schon wahrhaft historischen Kampf. Diese Idee hat ferner diese sechs Jahre den Kampf um die deutsche Gleichberechtigung der Welt gegenüber getragen und hat alle Kräfte mobilisiert, um Deutschland unabhängig und so stark zu machen, damit niemmermehr wieder ein Zustand eintreten kann, daß fremde Truppen deutschen Boden vergewaltigen und fremde Soldaten deutsche Arbeiter ungestraft mit der Peitsche schlagen können. Diese Charakterwende war zweifellos eine Absage, und zwar eine kompromißlose Absage an alle, gleich, in welchem Lager sie auch gestanden, welche die Idee der nationalen Ehre nicht über alle anderen Lebenswerte setzen wollten, geschweige denn an die, die diesen Wert bewußt in den Schmutz zu ziehen sich bemühten.

Da die nationalsozialistische Bewegung ihren Namen nicht umsonst trägt, ergab sich aus diesem ersten Wert die Forderung einer sozialen Gerechtigkeit. Auch das bedeutet die grundsätzliche Achtung vor jedem Beruf, vor jeder Arbeit, vor jedem Arbeiter. Es war nicht der Appell an rein materielle, noch so notwendige Wünsche, sondern war zusammen mit dem nationalen Ehrbegriff ein Heben der Gesamtcharaktererhaltung und ein Wegwischen aller durch die marxistische Lehre gezüchteten Minderwertigkeitskomplexe des deutschen Arbeitertums. Und an die Stelle verschwommener Menschheitsliebe setzte die nationalsozialistische Bewegung das konkrete Erlebnis einer Kampfkameradschaft. Sie entkleidete damit diesen Begriff aller Sentimentalität und setzte ihn ein als Auslesefaktor in das unmittelbar weltpolitische Geschehen, aber auch als Auslese-Element in das Alltagsleben eines jeden von uns. Aus dieser Gesamthaltung ergab sich dann eine Neubewertung auch aller sonstigen Betätigungen im innerpolitisch sozialen Leben.

Eine Frage sei hierbei noch besonders erwähnt. Die frühere Caritas, das liberalistische Wohltätigkeitsgetue und die nationalsozialistische Volkswohlfahrt sind Symbole dreier verschiedener Lebensauffassungen. Die liberalistische Zeit ließ hemmungslos eine kapitalistische Ausbeutung der Völker zu. Und als die Opfer dieses unbeaufsichtigten Prozesses nahezu auf der Straße lagen, da sammelten sich die Angehörigen der gleichen Klasse in pompösen Palästen und zeichneten einige hunderttausend Mark für die „Bedürftigen“. Es war so ähnlich, wie es heute in Amerika die Regel geworden ist, daß ein skrupelloser Geschäftsmann Hunderttausende an den Bettelstab bringt und dann als Multimillionär Krankenhäuser für seine Opfer baut, um am Ende seines Lebens als großer Philantrop in die Geschichte der Demokratie seines Landes einzugehen. Mit dieser Einstellung hat die nationalsozialistische Weltanschauung einmal für immer gebrochen.

Die kirchliche Caritas ist das gleiche Zeugnis für die Überheblichkeit einer bestimmten Kaste. Diese glaubte sich im Besitze der Macht über die Seelen und fühlte sich so hoch erhaben über die Opfer des Lebens, daß sie mit dem Begriff „Caritas“ stets den Begriff einer Barmherzigkeit verbindet. Das heißt, auch sie schenkte mit herablassender Gebärde von oben herab den vermutlich durch ihre Sünde in Unglück gefallenen Opfern des Lebens Almosen. Auch mit dieser Auffassung hat die nationalsozialistische Weltanschauung gebrochen.

Wir heute die gesamte Nation teilnimmt an der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, so ist sie der Überzeugung, daß ein Unglück und Elend von Tausenden von Volksgenossen nicht immer die Schuld der einzelnen ist, sondern daß nur das Gesamtschicksal eines Nationalunglücks sich in Hunderttausenden von Kranken und Arbeitslosen widerspiegelt. Und daraus folgerte dann die NSDAP. die Pflicht für die Gesamtheit, das Los dieser Volkskameraden zu lindern und im Endergebnis zu lindern nicht durch Almosen, sondern durch Arbeit. Und deshalb hat sie nicht die Aufgabe, die Menschen, denen geholfen wird, demütig zu machen, sondern ganz im Gegenteil, sie fühlt in sich die Pflicht, diese Menschen wieder aufzurichten. Sie hat also nicht, wie es früher hieß, den Hochmut gebändigt, sondern hat den natürlichen Stolz des deutschen Menschen wieder gepflegt und groß gemacht. Sie kennt deshalb auch nicht hochmögende Priester und Profane, sondern nur grundsätzlich gleichachtbare deutsche Volksgenossen und eine einige deutsche Volksgemeinschaft.

Ich habe nicht die Absicht, den viel umstrittenen § 24 des nationalsozialistischen Programms hier zu erläutern. Das mag einer späteren Zukunft vorbehalten bleiben. Ich möchte nur auf den ersten Teil dieses Programms aufmerksam machen. Dort heißt es, daß die nationalsozialistische Bewegung allen religiösen Bekenntnissen freie Betätigung sichert, soweit sie nicht dem germanischen Sittlichkeitsgefühl widersprechen oder den Bestand des Staates gefährden.

Damit hat sich die nationalsozialistische Bewegung das Hoheitsrecht über die Beurteilung sämtlicher geistigen Institutionen vorbehalten nicht auf Grund eines religiösen Bekenntnisses, das sie für jeden freigibt, wohl aber auf Grund der Charakterwerte, soweit sie mit einem religiösen Bekenntnis verbunden werden und merkbar sich mit der Werteordnung des Nationalsozialismus in Beziehung setzen. Hier wird die nationalsozialistische Bewegung aus der geschichtlichen Erkenntnis heraus, daß ein geistig-seelischer Umwandlungsprozeß eine ungleich größere Zahl von Jahren braucht als eine politische Revolution, sehr wohl begreifen, daß Vertreter früherer Lebensordnungen nicht von heute auf morgen eine alte Rangordnung der Werte zu ändern vermögen. Sie wird mit Menschen- und Geschichtsverständnis deshalb eine lange, lange Reihe von Jahren hingehen lassen und auf irgendwelche gewaltsamen Überzeugungsargumente verzichten. Sie wird vielmehr als Leistung ihre nationalen und sozialen Taten einmal hinstellen, wobei sie beanspruchen darf, daß zur Durchsetzung dieses nationalsozialistischen Gesamtgehaltes ihr ebenfalls eine große geschichtliche Spanne von Jahren zugebilligt werden muß. Sie ist dann der Überzeugung, daß diese Ordnung der Lebenswerte, die wir mit den Worten: nationale Ehre, soziale Gerechtigkeit, Volkskameradschaft, Stolz und Treue bezeichnen, so fest gefügt aus dem nationalen Empfinden der Nation organisch emporgewachsen sein wird, daß ihr gegenüber andere Lebensordnungen, über deren geschichtliche Berechtigung wir nicht aburteilen wollen, dahinschmelzen werden.

Ebenso pfleglich wird die nationalsozialistische Bewegung den unmittelbar religiösen und metaphysischen Bekenntnissen gegenüberstehen, voller Verständnis für die historische Bedingtheit des Entwicklungsprozesses und mit dem ernsten Willen, hier wirklich religiöse Überzeugungen nicht antasten zu wollen. Wir haben die innere Achtung vor einem jeden echten Bekenntnis aufzubringen, aber müssen ebenfalls von den Vertretern der geistig-seelischen Institutionen die gleiche Achtung uns gegenüber fordern, wenn einzelne von uns eine religiöse Überzeugung aussprachen, die vielleicht nicht mehr mit der Tradition zu vereinbaren möglich erscheint.

Wir wollen also, kurz gesagt, unter nationalsozialistischer Weltanschauung in erster Linie einen Kampf um die restlose Durchsetzung germanisch-deutscher Charakterwerte begreifen und alles einfügen in den Glauben an eine höhere Vorsehung, jedoch uns nicht als Partei auf metaphysische Formen und Bekenntnisse festlegen, sondern uns hier bemühen, die Achtung vor einem jeden echten Bekenntnis stets aufrecht zu erhalten.

Ich bin der Überzeugung, daß, wenn auf diese Weise Klarheit in die Beziehungen gebracht worden ist, das deutsche Volk niemals mehr Objekt eines konfessionellen Haders tieferer Art sein wird, sondern daß tatsöchlich die große Gemeinsamkeit im Schicksal über allem steht und dadurch bedingt den sonstigen geistigen Auseinandersetzungen jene Würde, jene Form und jene Begrenzung gibt, die wir alle erstreben.

Wenn ich hier in einer Universität über diese Fragen spreche, so richte ich meine Worte vor allem an die akademische Jugend in der Hoffnung, daß sie sich dieser historischen Situation zutiefst bewußt wird, daß sie den Problemen nicht ausweicht, sondern daß jeder für sich zur Volksgesamtheit der deutschen Geschichte, zur Gesamtheit des Kampfes um den deutschen Charakter in der Welt steht und dann hoffentlich jene Folgerungen zieht, die sie fähig macht, das große Schicksal unserer Tage mit vollem Einsatz zu vertreten und in Zukunft mitführen zu können. Ich bin der Überzeugung, wenn diese neue und doch uralte Ordnung der Lebenswerte von allen getragen wird, sie auch eine gesunde Verbindung von Tradition und Revolution ermöglicht, die letzten Endes allein deutsche Geschichte wirklich als fortlaufende dramatische deutsche Geschichte erscheinen läßt. Und mag dabei Temperament gegen Temperament stehen, so wird dieser Reichtum an Persönlichkeiten, den wir alle anerkennen und fördern wollen, nicht etwa dazu dienen, wieder eine Zerreißung des Gesamtwillens herbeizuführen, sondern im Gegenteil, ausgerichtet auf einen großen Willen, diesem erst recht seine tiefe Begründung und seine geschichtsgestaltende Kraft zu schenken.

Quelle

  • Blut und Ehre IV, S. 174-187

Anmerkungen

Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.

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