Wahrheit und Phrase

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Alfred Rosenberg


Wahrheit und Phrase.

„Völkischer Beobachter“, 17. Mai 1923.

Es ist in letzter Zeit eine neue Redensart groß geworden, die, von politischen Schlauköpfen erdacht, bei den so zahlreichen politischen Spießern schon großes Unheil angerichtet hat, nämlich der Ausspruch, Deutschland könne nur durch „überparteiliche“ vaterländische Organisationen gerettet werden, und die vaterländischen Verbände müßten alle danach trachten, sich von jeder parteipolitischen Bindung freizuhalten.

Es ist sehr wohl möglich, daß in Zeiten schwerster Kämpfe sich eine Reihe von Bewegungen unter einem einzigen Kriegsrufe zusammenfinden kann, wie z.B. 1813 im Kampfe gegen die französische Fremdherrschaft, 1870 im Kampfe für ein einiges Deutschland. Hier wie dort war es ein rücksichtsloser Kampf für die Freiheit des deutschen Volkes und für einen bestimmten Staatsgedanken. Zugleich war die Lage derart, daß im Rücken der Freiheitskämpfer von damals sich keinerlei nennenswerte Parteien oder Organisationen befanden, die diesen Freiheitskampf und nationalen Staatsgedanken grundsätzlich ablehnten und auch die Macht besessen hätten, diesen Kampf zu lähmen. Selbst heute ist zuzugeben, daß unter der Losung „Freiheitskampf des deutschen Volkes“ 60 Millionen Deutsche zu einem einzigen Block zusammengeschweißt werden könnten, wenn, ja wenn nicht Parteien bestünden, die geführt werden von Leuten, die erklären, kein Vaterland zu kennen, das Deutschland heißt, wenn keine Parteien bestünden, die ganz offen gegen das deutsche Volk arbeiten.

In dieser Lage wird das Wort von einem „überparteilichen“ Kampfe nicht zu einem fördernden Rufe, sondern zu einer Benebelung der Köpfe gebraucht, um die Wahrheit zu verbergen. Die Leute, die uns von Überparteilichkeit daherschwätzen, haben das ABC einer deutschen Politik von heute nicht begriffen, daß die gesamte deutsche Außenpolitik, soweit heute, dank der Novemberrepublik, überhaupt aktive Außenpolitik getrieben werden kann, nur eine Folge innenpolitischer Machtverhältnisse ist und sein kann. Ehe nicht im Hause selbst Ordnung geschafft ist, kann man auf der Straße den Schmutz nicht wegräumen; ehe der Deutsche nicht Herr im eigenen Hause ist, kann er nicht seinen Garten verteidigen.

Aber diese von feigen Politikern ausgedachte Volksverdummungsphrase wird auch noch von anderen gebraucht, nämlich von denen, die, um machtvolle vaterländische Organisationen von einem neuen Staatsgedanken abzulenken, ihnen das Merkmal einer „parteipolitischen Abhängigkeit“ anhängen, sie dadurch von einem großen Gedanken lösen und als regierende Partei eben praktisch dadurch in den Dienst einer anderen Partei zu stellen bemüht sind.

In Bayern besteht eine Reihe von vaterländischen Bereinigungen, die sich einem neuen Staatsgedanken verbunden fühlen. Entgegen dem überlebten demokratischen Korruptionsstaat sprossen in allen Städten Bayerns Verbände auf, die in einem streng völkischen sozialen Staate ein neues Ideal erblicken, dem sie zu dienen gewillt sind. Dieser eine große Gedanke war, ohne in einer einzigen Organisation zusammengefaßt zu sein, als solcher schon eine Kriegserklärung gegen die heutige Zersetzung. War also seinem Wesen nach schon Partei. Denn, ob man das Wort Partei gebraucht oder ein anderes, die Tatsache, daß sich eine große Anzahl Staatsbürger zu einigen Kampfverbänden zusammenfanden, bedeutet eine bewußte Absonderung, eine Neubildung, einen neuen Grundsatz im Staatsleben, folglich eine Partei.

Dieser eine große völkische Staatsgedanke hat nun seine mehr ins einzelne gehende Prägungen im Programm des Nationalsozialismus gefunden. Weltanschaulich sowohl wie allgemein kulturell, politisch und wirtschaftlich sind die Folgerungen, die sich für uns aus dem einen neuen Gedanken völkischer und sozialer Gerechtigkeit ergeben, in 25 Thesen niedergelegt, und für diese bewußter gefaßte Formung des völkischen Staatsgedankens kämpft die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei an der Spitze der völkischen Erneuerung.

Die anderen mit den Nationalsozialisten verbundenen Kampfverbände stehen dem näher begründeten Staatsgedanken frei gegenüber, bilden aber mit ihm zusammen die Kampftruppe der deutschen Freiheitsbewegung.

In diese vaterländischen Vereinigungen hat man nun seit Jahr und Tag versucht, Zersetzung hineinzutragen und man arbeitet namentlich in letzter Zeit mit dem Einwohnerwehrgedanken, der jetzt als der schönste und hehrste ausgerechnet von einer Partei angepriesen wird, die während ihres ganzen Bestandes nichts als Partei im engsten Sinne gekannt hat. Und das aus dem einfachen Grund, weil diese nicht einen außenpolitischen oder innenpolitischen Staatsgedanken verfocht, sondern bis zum Übelwerden von der „Erhaltung der Ruhe und Ordnung“ redete, was weiter nichts bedeutet als die Sicherung der Herrschaft der Bayerischen Volkspartei.

Wenn nun aus diesen Kreisen der Gedanke der bayerischen Einwohnerwehr als das Höchste bezeichnet wird, so versteht man, warum es geschieht. Man möchte sich aus den vaterländischen Verbänden eine größere Gruppe herausschneiden, in der das Bewußtsein, worum es sich heute handelt, noch nicht so tief verwurzelt ist wie beim Nationalsozialismus. Durch diese Absplitterung hofft man die Zersetzung auch in weitere Kreise tragen zu können.

Hier ist nun eine grundsätzliche Betrachtung der Einwohnerwehrfrage notwendig. Die Gründung und Durchführung dieser Einwohnerwehr war ohne Frage eine ausgezeichnete Leistung. Doch gerade, als diese große Organisation in die Waagschale geworfen werden sollte, um den deutschen Staatsgedanken zu schützen, da versagte sie unter der Führung und wurde im Namen der Ruhe und Ordnung und ausgerechnet wie zum Hohne im Namen der staatlichen Sicherung nach Hause geschickt. Das konnte nur geschehen, weil die Führung der bayerischen Einwohnerwehr nicht für den völkischen Staatsgedanken eingerichtet, nicht bewußt für eine neue Idee entflammt worden und folglich deshalb auch unfähig war, dem Schlage ein bewußtes und klares „Nein“ entgegenzusetzen.

Wie man weiß, hat die Auflösung der bayerischen Einwohnerwehr uns auch Oberschlesien nicht gerettet, wie es versprochen wurde, was jeder völkische Mann schon damals wissen mußte.

Deshalb ist der vielgepriesene Einwohnerwehrgedanke ein neues Versuchsmanöver, den Kampf von heute wiederum zu verfälschen und die Organisation des deutschen Gedankens entweder in den Dienst der Berliner Zersetzung oder in den Dienst der Bayerischen Volkspartei zu spannen. In beiden Fällen würde die kommende sogenannte vaterländische Bereinigung nicht überparteilich sein, sondern im Gegenteil eng parteilich.

Demgegenüber erklären wir frank und frei: in der Kampfpartei des Nationalsozialismus sehen wir die Kopfgruppe des völkischen Staatsgedankens, die allein imstande ist, heute Millionen wieder eine Hoffnung auf kommende Zeiten zu geben, und die allein imstande ist, einen verlorengegangenen Glauben wieder zu wecken und aus verzweifelten Menschen wieder kampfesfrohe Männer zu machen. Aus diesem Glauben heraus entstand die nationalsozialistische Bewegung, und sie hat schon tiefste Furchen gezogen durch das Denken von Millionen Deutschen.

Wenn sich andere Verbände gefunden haben, das Korps Oberland, Blücher, Wiking, Reichsflagge u.a., so wissen wir uns mit ihnen einig in einem großen Gedanken, und ob sie im einzelnen anders denken mögen, so ficht uns das nicht an, denn wir wissen, daß der völkische Gedanke als solcher, auch wenn er schärfste Partei sein muß, zugleich das gesamte Deutschtum im Auge hat und zu vertreten gewillt ist. Die Sprengungsversuche seitens der Marxisten und der Volkspartei haben zwar zur Folge gehabt, daß einige Leute aus Schreck einerseits vor der wehenden Sowjetfahne und andererseits aus Schreck vor dem Stahlhelm davongelaufen sind und sich von den schwülstigen Phrasen der Überparteilichkeit bezaubern lassen, um nur ja ihre Feigheit nicht offen bekunden zu müssen. Die anderen aber haben im Gegenteil sich zu uns bekannt, das heißt, zum völkischen Staatsgedanken. Somit ist eine Scheidung der Geister vollzogen und wird sich von Monat zu Monat immer weiter vollziehen, die wir von unserem Standpunkt aus nur begrüßen.

Alle jungen Männer, die flau und lau sind, sollen sich unter dem Rock von Herrn Dr. Schweyer verstecken. Was Saft und Kraft in den Adern hat, wird und muß über kurz oder lang zu dem vaterländischen Kampfverband Bayerns und ganz Deutschlands stoßen.

Wohl gemerkt: wir verlangen nicht von alten Herren, daß sie mit unseren Sturmtrupps Parade marschieren, nein -, aber wir sagen uns, daß auch von ihnen keiner zu alt ist, um für den deutschen Staatsgedanken in seinen Kreisen zu wirken und seine Söhne dorthinzuschicken, wohin sie gehören. Es ist zur Schmach und Schande unserer Zeit so weit gekommen, daß der vaterländische Gedanke heute Partei geworden ist. Die Schmach liegt nicht an der kleinen Gruppe, die heute für das Ganze kämpft, sondern an diesem verfaulten parlamentarischen Ganzen, das dem Drängen des deutschen Willens, sei es eine Niedertracht der Gesinnung, sei es eine bodenlose Verlogenheit, sei es eine grenzenlose Unfähigkeit, entgegensetzt. Unser Ausgang ist die Kampfpartei, unser Mittel ist die Organisation und die Predigt eines neuen Staatsgedankens, und unser Ziel ist das völkische Großdeutschland.

Quellen

Anmerkungen

Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.