Von Brest-Litowsk nach Versailles
Aus NS-Archiv
Alfred Rosenberg
Von Brest-Litowsk nach Versailles.
- „Völkischer Beobachter“, 8. Mai 1921.
Bismarck sah sich einmal genötigt, seinen schwätzenden Feinden folgendes Wort entgegenzuhalten: „Die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn dieselben nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, ist eine Krankheitsform, deren geographische Verbreitung sich auf Deutschland leider beschränkt.“ Diese verhängnisvolle und von den Feinden stets ausgenutzte deutsche Eigenschaft, Politik nicht aus einem allgemeindeutschen Gesichtspunkt zu treiben, sondern auf demokratische und „Menschheitsziele“ Rücksicht zu nehmen, hat schon mehr als einmal zum Verhängnis geführt. Aus menschheitlicher Begeisterung läßt sich unschwer das deutsche Unglück von 1791-1806 erkläre. Aus internationaler Rücksichtnahme wird man auch eine Politik verstehen, die Deutschland zuerst nach Brest-Litowsk und dann nach Versailles führte.
In Rußland hatte sich seit Ende 1917 der Bolschwismus ausgebreitet. Bis dahin noch zurückgehaltene Gefühle brachen sich Bahn, der „Proletarier“ beraubte den „Bourgeois“, der Bauer brandschatzte den Gutsbesitzer. Bald jedoch traten ernste Zwistigkeiten zwischen Stadt und Land auf. Die Stadt brachte keine technischen Erzeugnisse mehr hervor; das Land stellte die Proviantlieferungen ein. Dies führte zu zahllosen Kleinkriegen, die eben noch ihren Fortgang nehmen. Dem Bauer wurden die Zustände bald zu bunt, namentlich im Süden, wo es wenig Landlose gab. Und so wurde das deutsche Heer, als es die Ukraine besetzte, von der überwiegenden Masse der Bevölkerung als Befreier begrüßt.
Die folgenden Besprechungen zwischen den deutschen Politikern mit den Vertretern der russischen Parteien sind nun äußerst bezeichnend. Die russische konservative Partei schlug der deutschen Regierung den Geheimrat G-o, einen deutsch-orientierten Politiker als Ministerpräsidenten der Ukraine vor. Sein Programm lautete: ein einiges Großrußland, Hilfe zur Niederwerfung des Bolschewismus, Bündnis mit Deutschland. In vielen umfangreichen Schreiben, die sich in Archiven in Berlin befinden müssen, legte G. die Notwendigkeit des Kampfes gegen das internationale Chaos dar und sagte andernfalls, als genauer Kenner, die ganze internationale Revolutionspropaganda in Deutschland voraus. Er verwies auf unwiderlegliche Tatsachen. Es war umsonst. Die demokratischen Politiker lehnten ab.
Hier zeigt sich die merkwürdige Erscheinung, die man bis auf heute bei allen Demokraten, den ihnen folgsamen Spießbürgern und selbstverständlich bei allen Sozialdemokraten immer wieder beobachten kann: sie fürchten eine von starkem Nationalgefühl getragene „Reaktion“ tausendmal mehr, als das unter gleißnerischer Phrase heranwachsende Chaos. Daß der Bolschewismus in seinem Wesen die schlimmste Entartung der Moral, verbunden mit einer hottentottenhaften Weltanschauung darstellt, die schlimmste geistige und politische Reaktion, das tritt ihnen nicht in das Bewußtsein, - was auch von einer gewissen Presse nach Möglichkeit verhindert wird.
Anstatt die Gefahr einzusehen, die schon damals die bolschewistische Seuche darstellte, anstatt einer neuen, naturgemäß stark nationalen russischen Regierung bei deren Bekämpfung behilflich zu sein, so sich die Zuneigung des ganzen russischen Volkes zu erwerben, vor allem aber dann in der Lage zu sein, in ganz Rußland den Einfluß der Entente außer Spiel zu setzen, glaubte man die „Befreiung des zaristischen Jochs“ predigen zu müssen.
Auf reine Dankbarkeit soll man natürlich keine Politik bauen. Aber die Sicherstellung deutscher Interessen in einem gesäuberten Rußland wäre den Gang zur Newa wert gewesen.
Damals hätte es keine Schwierigkeit gemacht, die russische Hauptstadt zu nehmen. In militärischen Kreisen (Goltz) ist darauf gedrungen worden, es sind sogar ernste Vorbereitungen dazu im Gange gewesen. Da wurde von den Politikern der „Friede“ von Brest-Litowsk geschlossen. Er anerkannte eine Horde von internationalen Abenteurern und Verbrechern in den Augen des deutschen Volkes als eine verhandlungsfähige Regierung. Darin liegt das Unglück des Vertrages.
Durch diese Anerkennung ermutigt, konnte Herr Joffe sein Propagandabüro unter den Linden eröffnen. Millionen Hetzbroschüren, Millionen an Geld passierten als Kuriergepäck die deutsche Grenze. Zur gleichen Zeit wurde der deutsche Gesandte in Moskau, Graf Mirbach, ermordet. Sein Mörder, der jüdische Student Blumkin, entfloh in die Ukraine, wurde ausgeliefert und - zu einigen Monaten Gefängnis verurteilt! Deutschlands Ansehen sank in der Welt, und im Innern zerbröckelte das Gefüge des Reiches...
So zog ein Fehler den anderen nach sich. Die Rücksichtnahme auf demokratisch-internationale Grundsätze untergrub die Möglichkeit einer starken weitblickenden Politik in Rußland. So kam der geschichtlich widernatürliche, im Vergleich zu dem von Versailles geradezu milden Frieden von Brest-Litowsk. Er schenkte uns die Cohn und Eisner, die uns mit Matthias Erzberger und Genossen in Versailles waffenlos machten.
Quellen
- Völkischer Beobachter, 8. Mai 1921.
- Blut und Ehre III, S. 44-46.
Anmerkungen
Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.