Ulrich v. Huttens Vermächtnis

Aus NS-Archiv

Wechseln zu: Navigation, Suche

Alfred Rosenberg


Ulrich v. Huttens Vermächtnis

Aus Anlaß der Wiederkehr des 450. Geburtstages Ulrich v. Huttens veranstaltete der Gau Hessen-Nassau am 20. Mai 1938 auf der Steckelburg bei Schlüchtern, der Heimat dieses unerschrockenen Kämpfers um die Einheit des deutschen Volkes, eine Feierstunde. Reichsleiter Rosenberg würdigte Huttens Werk und Charakter, seine Lebenshaltung und seinen ungestümen Willen als Vermächtnis einer großen Zeit, das heute durch die Führergestalt Adolf Hitlers seine Erfüllung findet.


Vor drei Jahren feierten wir einen 700jährigen Gedenktag. Es war der Tag, an dem das tapfere Volk der Stedinger im heutigen Oldenburg durch einen Kreuzzug, den der damalige Erzbischof von Bremen gegen diese Bauern hervorgerufen hatte, ausgerottet wurde. Das fromme Stedinger Bauernvolk kämpfte um seine Freiheit und ergab sich nicht, spndern wurde von den Kreuzrittern dieser Zeit nahezu vollkommen vernichtet. Als wir diesen Gedanktag begingen, da glaubte ich aussprechen zu dürfen: „Heiliges Land liegt für uns heute nicht mehr irgendwo im Morgenland, sondern heilige Stätten liegen für uns da, wo einmal für Deutschland gestritten wurde und wo der deutsche Bauer seinen Pflug durch die Mutter Erde zieht.“

Ich glaube, daß wir dieses Wort heute an dieser Stelle wiederholen dürfen. Auch hier ist für die deutsche Geschichte ein Stück heiligen Landes. Hier zog vor 450 Jahren ein Mann aus, ganz allein auf sich gestellt, warf einer ganzen Zeit den Fehdehandschuh vor die Füße und setzte ein zwar kurzes, aber großes Leben daran, dem deutschen Volke wieder sein inneres Selbstbestimmungsrecht und seine äußere Freiheit zu bringen. Die damalige Zeit ähnelte in vielem dem, was wir selbst in unserem Dasein erlebt haben. Auch damals sanken alte Formen dahin, alte Gesellschaftssitten zersetzten sich, neue Gedanken traten hervor. Die Wissenschaften griffen über den gewohnten Rahmen hinaus, und ein nur sich selber hingebendes Zeitalter versank in Korruption und Verwilderung. Eine ganze alte Welt ging damals aus den Fugen, so wie eine andere alte Welt sich 1918 selbst begrub. Um diese Zeit von damals geschichtlich zu verstehen, müssen wir weit über diese 450 Jahre hinausgreifen. Einmal, im 8. Jahrhundert, entschied sich für lange Zeit das Geschick der germanischen Stämme und des deutschen Volkes. Die alten Götter sanken dahin, die alten Lebensformen zerbrachen, und im ersten Reiche der Deutschen bildeten eine neue Lehre und ein neuer Gott die Grundlagen für kommende Zeiten. Die Germanen nahmen diese Entscheidung gleichsam als ein Gottesurteil hin, haben sich redlich bemüht, dieser neuen Form ihren Charakter aufzuprägen und waren bereit, ehrfurchtsvoll aufzunehmen, was vom Süden als Erläuterung des neuen Lebensgebotes herüberkam. So begann zugleich mit der Christianisierung der Germanen auch die Germanisierung des Christentums. Wir wollen uns in diesen Tagen, wo viel über Weltanschauung gedacht und gesprochen wird, davor hüten, in das eine oder andere Extrem der Beurteilung zu verfallen. Die eine Seite scheint manchmal geneigt, heute tausend Jahre als einen absoluten Irrweg zu kennzeichnen. Das erscheint uns falsch; aber es erscheint uns auch umgekehrt falsch, nun die gesamte Kultur des deutschen Volkes auf die neue Lehre allein zurückführen zu wollen: Vielmehr glauben wir, daß hier ein Abschnitt der deutschen Geschichte als eine große Epoche verehrt werden muß und daß die würdigste Haltung auch auch unseres Geschlechtes nur in dem einen Bekenntnis bestehen kann: Jede große Zeit der deutschen Geschichte ist schon dadurch geadelt, daß deutsche Menschen daran geglaubt haben.

So fing damals eine neue Zeit an. Aber indem man innerlich die kirchliche und religiöse Autorität Roms anerkannte, war es notwendig, daß nach und nach Rechtsnormen und Lebensformen des Südens immer mehr ihren Gang ins germanische und deutsche Leben antraten. Und nun erleben wir in ganz Europa geschichtliche Proteste, die sich von den Pyrenäen bis zum Baltischen Meere hinziehen. Immer wieder erscheint es, als ob diese neuen Formen nicht ganz mit dem Charakter und den Lebensnotwendigkeiten der Völker Europas zusammenfallen wollten.

Über die Waldenser- und Albigenser-Bewegung, über viele andere Protestversuche bis zum Ende des Mittelalters zieht sich ein großer geschichtlicher Werdegang der europäischen Völker als immer wieder neue Auflösung bestehender großer politischer und geistiger Spannungen. In kommender Zeit gesellt sich eine neue Wissenschaft hinzu: die humanistische Bewegung. Diese greift über den kirchlichen Rahmen weit hinaus und bemüht sich, die Denker der Antike in irgendeiner Form wieder nach Deutschland einzuführen. So summieren sich viele Kräfte, die nach einem neuen Leben suchen. Aber erst durch Martin Luther ist eine Sturmflut über ganz Europa gekommen. Wenn wir die Lage einige Jahrhunderte nachher überblicken, dann sehen wir, wie sich diese Sturmflut brach. Es gab einmal eine Zeit, da griff die große protestantische Bewegung weit über ganz Europa. Es war einmal eine Zeit, da war Warschau eine protestantische Stadt, da war München protestantisch, da war Wien protestantisch, da war die ganze Steiermark protestantisch! Aber dieser Versuch, Europa auf eine neue Grundlage zu stellen, mißlang. Man suchte sehnsüchtig nach einer starken politischen Führung dieser Bewegung. Und diese Führung versagte die Geschichte. Man schaute damals auf den jungen Kaiser und erhoffte von ihm eine neue innere und äußere politische Stärkung des deutschen Reiches. Aber auf dem Throne saß nicht mehr ein Mann aus dem Hause der Hohenstaufen oder aus dem Geschlecht der großen Salier, sondern ein Habsburger, ein halber Spanier, der für diese Nöte des deutschen Volkes überhaupt kein Verständnis haben konnte. Man blickte auf die sich durchsetzenden Territorialfürsten. Aber auch sie waren noch zu schwach, um eine wirklich entscheidende Macht, im Sinne eines späteren Preußen etwa, darstellen zu können. Man sah auf die große Bauernbewegung, auf die Nöte und die Schreie, die aus dieser Mitte zum Himmel schallten; doch es fand sich auch in der Bauernbewegung kein einziger überragender Führer, um dieser sozialen Revolte den Stempel eines großen staatspolitischen Willens aufprägen zu können.

So ist dieser riesige Versuch der damaligen großen protestantischen Bewegung zur Hälfte stecken geblieben und wurde durch Gegenkräfte überwunden. Der Versuch, auf Grund einer neuen Konfession ein Volk zu einigen, mißlang. Die Einheit Deutschlands wurde durch diese geschichtliche Tatsache auf 400 Jahre hinausgeschoben! Was die Konfessionen in ihrem Kampf um eine totale Macht nicht erreichten, das ist in unserer gegenwärtigen Zeit durch das leidenschaftliche Volksbewußtsein als Grundlage aller Bindungen endlich erreicht worden. Weil das so ist, deshalb gedenken wir in diesen Jahren und namentlich auch am heutigen Tage aller jener Großen der Vergangenheit, die einmal um Deutschland stritten, und statten ihnen immer wieder den Dank dafür ab, daß sie ihr Leben für diesen Gedanken einer Einheit des deutschen Volkes nach innen und nach außen einsetzten. In der langen Ahnenreihe derer, die für Deutschland kämpften, gedenken wir heute des Ritters Ulrich von Hutten und räumen ihm inmitten der deutschen Geistesgeschichte einen besonderen Ehrenplatz ein, weil es ein Mann war, der die Feder führte und zugleich das Schwert zu führen imstande war. Er hatte es einst gewagt, als einzelner einer ganzen Welt den Kampf anzusagen!

Er entweicht, als man ihn zum Mönch machen wollte, 1505 aus dem Kloster in Fulda. Er bricht immer mehr in seiner Entwicklung mit der mittelalterlichen Lebensordnung. Er lehrt die Deutschen, in Hermann dem Cherusker den ersten großen deutschen Nationalhelden zu erblicken. Er ruft nach einer deutschen Einheit ohne römischen Kaisertitel. Er empört sich gegen die Charakterkorruption und die ganze Verwilderung seines Zeitalters. Er ruft zum Sturz der bisher anerkannten alten Ordnung. Und trotzdem er dieses alles tat, war er kein Heide! Er war auch kein Neuheide, wie man heute sagen würde; sondern er ging von dem Bestreben aus, die überlebte Ordnung zu stürzen. Aber er suchte noch innerhalb der ganzen damaligen Weltanschauung nach der alten verlorengegangenen reinen Lehre. So wie einst Walther von der Vogelweide seine Lieder gegen Rom sang und dichtete und die Freiheit von mönchischer Herrschaft forderte, so trat auch Ulrich von Hutten dafür ein, anfangs durchaus in dem Bestreben, diese alte, in der Vergangenheit scheinbar einmal herrliche christliche Lebensordnung wieder herzustelle. Er kämpfte für die Wiederherstellung dieser christlichen Lehre gegen die nun 300 Jahre wirkende, ihr wesensfremde Scholastik. Er schrieb: „Nachdem man von jener alten deutschen Theologie abgegangen ist, versank auch mit den Wissenschaften die Religion zugleich, und es brach jene verderblichste aller Seuchen, der Aberglaube, herein, der durch seine Macht den wahren Kultus der Gottheit so verdunkelte, daß man nicht weiß, ob das ganze Wesen, was wir bemerken, Christus oder einem neuen Gott gelte“. So fährt er 1517 nach Rom, im Innern noch gläubig wie Martin Luther, als er seine Reise nach dem Süden antritt. Als er das Treiben in den höchsten Kirchenkreisen dort erlebte, kehrte er mit einer furchtbaren Empörung im Herzen wieder nach Hause zurück und sagte: „Sie verschmähten auch nur den Schein des Guten und verhöhnten alle Sitte und Zucht, die mit Lust schlecht sind und mit Vollmacht; ach, in deren Joch das teutonische Volk leider so willig sich fügt.“

In Deutschland erfährt er vom Ablaßstreit und kann zunächst nichts weiter darin erblicken als das übliche Mönchsgezänk um längst vergangene Dinge. Er spricht dabei die Hoffnung aus, daß die Mönche sich gegenseitig die Hälse brechen möchten. „Das ist meine Hoffnung, daß sie über sich selber herfallen.“ Als die große Gefahr von außen in Gestalt der Türkenheere herantritt und die politische Frage ihn unmittelbar beschäftigen muß, da ertönt wieder ein Warnungsruf von ihm: „Möchte mich doch Deutschland hören, so würde ich raten, wie nötig auch der Türkenkrieg ist, lieber diesen Krebsschaden im Innern zu heilen, ehe man an den asiatischen Krieg denkt.“ Die Verhältnisse seien so, daß Deutschland an seinen eigenen Kräften zugrunde ginge. Er ruft die Territorialfürsten auf, sich auch hier zusammenzuschließen und mit ihm um die Einheit Deutschlands zu ringen. „Es ist nicht die Schuld der Mannschaft“, sagte er, „sondern im weitesten Maße der Führer. Stark ist in Deutschland die Jugend, groß ihr Sinn. Niemand aber schreitet ihr voran, und niemand führt sie.“ Damit hat er die große Tragödie seiner Zeit ausgesprochen, daß tausend und aber tausend Kräfte geladen waren mit einer großen Sehnsucht nach einer neuen Zeit, daß in allen Ständen ein lebenduges Leben sich rührte und dieses Leben doch niemals einen entscheidenden Führer hervorbrachte. So suchte er seine Helfer auf dem Boden der Wissenschaft, auf dem Boden des Rittertums. Er suchte, den größten Gelehrten seiner Zeit, Erasmus von Rotterdam, zu gewinnen. Er sprach mit Reuchlin und glaubte eine Zeitlang, in ihm einen geistigen Kämpfer seiner Zeit zu finden. Aber er mußte feststellen, erst früher bei einem, dann später beim andern, daß sie alle versagten. Als dann ein Reuchlin sich schließlich gezwungen sah, einen Widerruf gegen Martin Luther zu erlassen, da schrieb Hutten ihm in größter Empörung: „Ich schäme mich, für dich soviel getan zu haben. Dennoch soll man sehen, daß wir auch gegen deinen Willen das schmachvolle Joch abschütteln und aus der schimpflichen Knechtschaft uns befreien“. Hutten hatte den Mut, jetzt auch im Frontalkampf gegen die große Geistesmacht seiner Zeit zu ziehen. Er veröffentlichte zuerst in Deutschland den italienischen Nachweis von der Fälschung der sogenannten Konstantinischen Schenkung. Nach dieser Fälschung sollte, wie wir wissen, der Kaiser Konstantin dem Papst in Rom gleichsam die ganze Welt zur Herrschaft geschenkt haben. Mit dieser gefälschten Urkunde hat das Papsttum seine „Rechte“ gegenüber dem deutschen Kaisertum - manchmal ausgesprochen, manchmal unausgesprochen - immer wieder vertreten. Hutten hatte den Mut, hier dem humanistischen Gelehrten aus Italien zu folgen. Er eröffnete damit zugleich einen leidenschaftlichen Angriff als Ganzes gegen das damalige Rom. Er sagte: „Drei Dinge erhalten Rom: Das Ansehen des Papstes, die Gebeine der Heiligen und der Ablaßkram. Drei Dinge sind in Rom verbannt: Einfalt, Mäßigkeit und Frömmigkeit. Drei Dinge haben Deutschland bisher nicht klug werden lassen: Der Stumpfsinn der Fürsten, der Verfall der Wissenschaft und der Aberglaube des Volkes. Drei Dinge fürchten sie in Rom am meisten: daß die Fürsten einig werden, daß dem Volk die Augen aufgehen und daß ihre Betrügereien an den Tag kommen.“ Damit ist die entscheidende Wendung zum größten Mann seiner Zeit vollzogen, zu Martin Luther. Hutten hat Luther anfangs genau so übersehen, wie der Papst in Rom Luther übersehen hatte; aber bald sah er die große Tiefenwirkung jener leidenschaftlichen Überzeugung und jenes großen Glaubens, der von dem ehemaligen Mönch in Wittenberg ausging, und begriff seinen Kampf. Er stellte sich ihm zur Verfügung. Als Luther verfolgt wurde, überbrachte Hutten Luther die Zusicherung Sickingens, daß er im Falle einer Verfolgung unter dem Schilde Sickingens Schutz finde. Er trat dann öffentlich in seiner „Vorrede an alle freien Deutschen“ für Luther ein. Als Luther exkommuniziert wurde, schrieb er ihm: „Christi Verordnungen verfechten wir. Seine Lehre, die von dem Dunst päpstlicher Satzungen verdunkelt war, bringen wir ans Licht, du mit mehr Glück, ich entsprechend meinen Kräften. Du bleibe fest und stark und weiche nicht! An mir hast du einen Bürgen für alle Fälle. Daher wage es, mir fortan alle deine Pläne anzuvertrauen! Verfechten wir die gemeine Freiheit! Befreien wir das so lang bedrückte Vaterland!“ Er wendet sich dann gegen die Peterspfennige für Rom. Er sagt, der Prunk in Rom werde mit deutschem Gelde bezahlt, die Kaiser und Fürsten sollten kein Geld mehr nach Rom schicken, sondern dieses Geld zum Zwecke des deutschen Volkes verwenden. Er empört sich gegen die sogenannten Kurtisane, d. h. gegen die unmittelbar von Rom eingesetzten Kirchenstellen, und in seinem Liede sagt er: „Ob dann mir nach tut denken der Kurtisanen List, ein Herz läßt sich nicht kränken, das rechter Meinung ist“. Die Verfolgungen setzen ein. Hutten zieht nach den Niederlanden. Schon nach zwei Monaten ist das Ketzergericht hinter ihm her. Er muß das Land verlassen, und sofort erfolgt eine neue Kampfansage: „Ich habe den Handel gegen die päpstliche Tyrannei begonnen. Es ist beschlossen vorzugehen, sei der Ausgang, wie er wolle. Die Schufte sollen brennen, auch wenn ich mit verbrennen müßte“. Auch in Mainz wird ihm nachgestellt, man verhaftet seinen Drucker. Aber man sieht in ihm schon einen gefährlich werdenden Gegner. Auf verschiedenen Umwegen macht ihm die päpstliche Diplomatie ein Angebot, daß er ungehindert in Deutschland leben könne, wenn er nur seine feindliche Publizistik einstellen wollte. Hutten ist dieser Versuchung nicht erlegen! Er hat schroff abgelehnt. Am 8. August 1520 schreibt er seine entscheidenden Worte: „So fängt doch endlich dieser Brand zu brennen an, und es soll mich wundern, wenn er nicht schließlich durch meinen Untergang gelöscht werden müßte. Aber in diesem Handel habe ich mehr KRaft und Gesinnung als äußere Macht. Wohlan denn, jetzt heißt es: Hindurch!“

Dann kommt er auf seine Heimatburg hierher, reist wieder zu Sickingen und schreibt an Friedrich den Weisen: „Wir Deutschen sollten uns den Titel des römischen Reiches nicht zuschreiben. Wir wollten einen Kaiser allhier wählen, die päpstliche Tyrannei ablegen und, ehe wir anderen gebieten, uns selber einmal freimachen“.

Er beginnt jetzt deutsch zu schreiben. Er verläßt das Latein und erhebt im gleichen Stile, wie bisher, seine flammende Sprache, die durch ganz Deutschland zieht; am Ende heißt es: „Das ist Treulosigkeit, wenn sich einer nach dem Wesel des Glückes richtet und danach seine Treue wandelbar macht. Mich hat die Gerechtigkeit meiner Sache getrieben, auch gegen widrige Glücksfälle anzustreben“. So setzt er sich immer wieder, reisend von einem Ort zum anderen, getrieben von einem inneren Gefühl, nicht mehr anders zu können, für Deutschland ein und bittet überall in der Welt, beim Papst und beim Kaiser, für den großen Mann seiner Zeit, für Martin Luther. Er bittet darum, daß man diesen Martin Luther nicht etwa einfach verurteilen möge, sondern daß man ihn hören, daß er einem geregelten Verhör unterzogen werden müsse, und schließlich schreibt er an Luther: „Darin unterscheidet sich unser Begehr, daß meines menschlich ist, während du als ein schon Vollkommener alles auf das Göttliche gestellt hast“. Hier zeigt sich entgegen manchen ihm später zugeschriebenen Menschlichkeiten, daß, so sehr er auch bereit ist, sich selbst einzusetzen, er ebenso bereit war, den Größeren neben sich als solchen anzuerkennen und selbst für dessen Sache zu kämpfen. So muß er schließlich die Heimat weiter meiden. Er fährt 1522 nach Basel, 1523 nach Zürich, und durch Krankheit gebrochen, aber im Geiste genau so tapfer und unversöhnlich wie vorher, stirbt er arm und verfolgt auf der Insel Ufenau, den Blick immer nur auf den Kampf in Deutschland gerichtet. Angesichts eines solchen Lebens versagen alle Versuche, die jetzt, in den 20er Jahren, wieder deutlich geworden sind, die Gestalt Ulrich von Huttens in tausend Kleinigkeiten auseinanderzureißen. Es ist müßig festzustellen, daß er seine Menschlichkeiten gehabt hat, daß auch er irgendwie ständisch bedingt in manchen Bestrebungen gewesen ist, daß er persönlich manchmal auch herausfordernd gewirkt haben mag. Das sind alles Bedingtheiten, denen auch die größten Persönlichkeiten der Weltgeschicht unterliegen. Aber sein Werk und sein Charakter, seine Lebenshaltung und sein ungestümer Wille sind als ein großes Vermächtnis einer großen Zeit für unsere Tage geblieben. Die Wissenschaft, die Religion und die Politik, alle drei waren in Revolte begriffen. Von allen drei Seiten wurde eine alte Ordnung gestürmt. Erasmus, Luther und Hutten sind die Symbole dieser Zeit. Aber der eine war ein vorsichtiger Forscher, der den Mut zum Tageskampf nicht aufbrachte, der andere suchte im Religiösen und abseits der Tagespolitik die alleinige Erneuerung des deutschen Volkes, und der dritte, Hutten, ging von der unmittelbaren religiös bedingten Politik aus, um von hier aus den Anschluß an seine Zeit zu finden. Die Lehre für uns aus dieser Lage vor 400 Jahren ist, daß, wenn wir einmal das Glück haben, da´ ein geistiges Ringen und eine neue Weltanschauung sich mit einer politischen Macht vermählen, wir diese gesegnete Stunde der deutschen Nation nicht ungenützt verstreichen lassen dürfen. Fünfzehn Jahre haben wir auch politisch gegen eine alte Ordnung gekämpft. Wir sahen, daß sie morsch war, daß sie zusammenbrach, daß sie sich selbst vor dem Ansturm der Mächte des Chaos aufgab. Wir haben heute die alleinige Macht in Deutschland. Parallel aber mit diesem großen Machtkampf ist eine neue Anschauung vom Leben, ist eine neue Schau dieser Welt geboren. Nun stellt sich diese Macht der Sicherung und dem Aufbau der neuen Weltanschauung zur Verfügung. Das ist ein Schicksalsgeschenk, wie es Hutten und Luther ihr Leben lang erstrebt hatten, und das ihnen versagt blieb. Das Schicksal hat es gewollt, daß 400 Jahre später ein Mann aufstand, der beide Begabungen in einer Person vereinte und diese Chance des Schicksals, die vielleicht in tausend Jahren einmal kommt, hat das deutsche Volk heute begriffen. Es hat begriffen, daß man einem großen Manne bucgt etwa hundert Jahre nach seinem Tode ein Denkmal setzen darf, sondern daß man ihn schon zu Lebzeiten anzuerkennen verpflichtet ist. Deshalb können wir mit innerem Stolz sagen: Das deutsche Volk hat nicht nur einen großen Mann in seiner schwersten Stunde hervorgebracht, sondern es ist selbst dadurch groß geworden, daß es ihn anerkannte. Wenn wir dieses heute feststellen, dann verbindet sich damit, noch einmal der Dank für jene Männer der Vergangenheit, die schließlich im Gesamtbild einer vieltausendjährigen Geschichte ja auch mit dazu gehören, daß das Heute möglich wurde. Dieser Kampf von damals, der um jene Zeit scheinbar vergebens war, ist nie erstorben. Er ist in vielen Formen wiedergekommen! Er ist wiedergekommen in Brandenburg, er ist wiedergekommen im deutschen Freiheitskrieg, er ist wiedergekommen in der Gründung des Zweiten Reiches in Versailles, er ist wiedergekommen in unseren Tagen. Über uns, wie über dem Totenbette Ulrich von Huttens, stand immer nur die eine Sehnsucht: Deutschland!


Quelle

  • Blut und Ehre IV, S. 116-127

Anmerkungen

Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.