Stresemann

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Alfred Rosenberg


Stresemann.

„Völkischer Beobachter“, 14. August 1923.

Der echte Parlamentarier Herr Dr. Stresemann ist Reichskanzler geworden. Damit entschwindet er der Kritik seiner Zeitgenossen und thront in dem erhabenen Reiche derer, die unter dem Gesetz zum Schutze der November-Republik stehen. In aller Ehrerbietung und untertanenhaften Hochachtung möchten wir uns aber doch gestatten, einiges aus der letzten Tätigkeit des Dr. Stresemann zu erzählen. Der Führer der Partei, die das ganze Reich mit schwarzweißrot umränderten Plakaten beklebt und eine Kaiserkrone als Stempel darüber druckt, erklärte in Dresden, Anfang Dezember 1921, die Politik der Demokraten habe Schiffbruch erlitten, man müsse jedoch den Streit über die Schuld am Zusammenbruch des November 1918 begraben und vor allen Dingen müsse man aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und die törichte Politik eines Rechtsblockes aufgeben. Am 10. Juli 1922 erklärte er im Reichsausschuß seiner Partei, daß er mit seiner Partei für den Schutz der Verfassung eintrete, und daß seine Fraktion bereit sei, an dem Gesetz zum Schutze der Republik mitzuwirken. Dann klagte er über die „Verhetzung auch durch rechtsradikale Elemente“ und sagte, wenn die Reaktion weiter so arbeite wie bisher, so würde Deutschland den blutigsten Bürgerkrieg bekommen. Am 25. Juli erklärte Herr Stresemann in Elberfeld, seine Partei habe dem Schutzgesetz zugestimmt, nachdem ihm der Charakter eines Ausnahmegesetzes genommen sei. Am 24. September 1922 hielt Stresemann in Breslau eine große Rede, in der er ausführte, der Weg zur Volksgemeinschaft und zur Beseitigung unserer inneren Verhältnisse sei durch den ruchlosen Mord an Rathenau unterbrochen worden. Der Gedanke der Volksgemeinschaft könne nicht tödlicher getroffen werden, als es durch diese Tat geschehen sei. Und nachdem er über die Deutschnationalen gewettert hatte, sagte Stresemann wörtlich über die Marxisten: „Neben einer Sozialdemokratie, in der der Geist eines Crispien lebendig ist, ist für uns kein Raum.“ Nun sitzt Herr Crispien augenblicklich im Vorstand der vereinigten Sozialdemokratie, und kein ganzes Jahr ist vergangen, daß Herr Stresemann mit dieser selben Sozialdemokratie in engster Freundschaft ein Kabinett bildet - der Parlamentarier wie er leibt und lebt.

Zur gleichen Zeit, als Herr Stresemann als Parlamentsdauerredner durch Deutschland reiste, machten seine „Deutschen Stimmen“ mit Stolz darauf aufmerksam, daß das „Gesetz“, das Herrn Ebert die Verlängerung seines Reichspräsidentenpostens ermöglichte, ein persönlicher Erfolg des Herrn Stresemann gewesen sei. Die Sozialdemokraten und die Demokraten hatten sich schon auf eine Neuwahl gefaßt gemacht, aber Herr Stresemann habe mit eiserner Konsequenz sein Ziel verfolgt und Ebert sei im Amt geblieben. Diese Siegestat des Herrn Stresemann muß heute vermerkt werden, da Herr Ebert sicher als Dank für diese Leistung Herrn Stresemann den Posten eines Reichskanzlers übertrug. Und um sie ins richtige Licht zu stellen, sei noch vermerkt, daß Herr Stresemann in einer Rede erklärte: „Hindenburg als Kandidat zu proklamieren, heißt mit dem großen Namen verbrecherischen Mißbrauch treiben.“ Somit hatte der schwarzweißrote Stresemann Herrn Ebert dem Marschall Hindenburg vorgezogen.

Im Februar des Jahres äußerte er sich vor dem preußischen Jugendbund in Dortmund folgendermaßen: „Diejenigen Mächte, die den Frieden von Versailles unterschrieben und uns veranlaßt haben, unsere Waffen zu strecken, sind verantwortlich für die heutigen Zustände in Deutschland.“ Derjenige, der den Frieden unterschrieb, war bekanntlich der Sozialdemokrat Hermann Müller. Und dessen Parteigenosse Fritz Ebert sitzt eben auf dem Präsidentenstuhl und von diesen selben Vertretern der Macht, die Stresemann als die Verräterpartei am deutschen Volke gekennzeichnet hat, nimmt der gleiche Herr Stresemann das Amt des Reichskanzlers entgegen. Zur näheren Orientierung über die Persönlichkeit des Herrn Stresemann wollen wir nur noch mitteilen, daß er mit der Tochter des Juden Dr. Paul Kleefeld verheiratet ist.

Fürwahr, die „deutsche“ Republik hat in Dr. Stresemann den ersten würdigen Reichskanzler erhalten, und er wird sicherlich seine Pflicht und Schuldigkeit den Mächten gegenüber tun, die ihm zu diesem Posten verholfen haben.

Quellen

Anmerkungen

Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.