Entmutigte Bauern, unzufriedene Arbeiter
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Was die Weltpresse sagt
Entmutigte Bauern, unzufriedene Arbeiter
Das Chaos würde einer allgemeinen sowjetrussischen Mobilisierung folgen
- Die letzten Informationen aus Sowjetrußland haben gezeigt, daß die Lage dort immer besorgniserregender für die roten Machthaber wird. Die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten und die zunehmende Unzufriedenheit der Bevölkerung haben zu einer Nervosität der Sowjetregierung geführt, die offen zutage tritt. Das „Journal de Genève“ schreibt dazu:
„. . . Die Fehler des Stalinregimes beginnen sich allmählich zu rächen: Die Kollektivierung des Bodens führte zu einer Entmutigung der Bauern und zu ihrer passiven Feindseligkeit; die forcierte Industrialisierung des Landes hatte eine beispiellose Inflation und eine dauernd wachsende Unzufriedenheit in der Arbeiterklasse zur Folge . . . Aber das ist noch nicht alles. Die GPU. will die unterernährte Bevölkerung durch Terror beherrschen, aber in der Partei gärt es, die Jugend verliert die Nerven, selbst in der Armee wird man unruhig und beginnt zu flüstern. . . . Die linksstehenden Elemente benutzen die Ereignisse in Spanien, um Stalin Verrat an der spanischen Revolution vorzuwerfen . . . und ganz kürzlich veranstaltete sowohl in Moskau wie in Leningrad die Polizei eine richtiggehende Razzia unter den Studenten und der kommunistischen Jugend, die in Flugschriften von Stalin weniger Nachlässigkeit und mehr Härte gegen den Faschismus verlangten. Andere dagegen, die die große Schwäche der UdSSR. und ihre absolute Unmöglichkeit, einen Krieg auch nur mit geringsten Erfolgsaussichten zu bestehen, kennen, mahnen den Diktator zur Vorsicht. Sie machen ihn aufmerksam, auf den Mangel jeglicher Organisation im Lande, auf die klägliche Lage des Transportwesens, der Gesundheitspflege, der Luftabwehr, das Fehlen von Straßen, den katastrophalen Rückgang der Petroleumförderung, kurz auf das Chaos, welches die Folge einer allgemeinen Mobilisierung sein würde. . . . Die Armee aber bleibt nicht unbeeindruckt von dem System der Massenverhaftungen der Offiziere. Eben jetzt meldet man wieder die Verhaftung Schapoinikows, des Kommandanten des Militärbezirks Leningrad, und bestätigt gleichzeitig, daß in letzter Zeit mehrere hundert Offiziere dieses Bezirks festgenommen worden sind. Welche Geistesverfassung kann ein Heer haben, das ständig derartigen Übergriffen ausgesetzt ist? . . . Unter den jetzigen Bedingungen der UdSSR. ist es verständlich, daß Stalin und seine nächsten Mitarbeiter einem immer tieferen und beunruhigenderen Minderwertigkeitskomplex verfallen. Dieser Geisteszustand findet seinen letzten Ausdruck in der kürzlich vom Kreml gefaßten Entschließung, im Fernen Osten gegenüber der Mandschurei eine Art Maginotlinie zu bauen. Es war bereits bekannt, daß man Tag und Nacht Festungsanlagen an den Westgrenzen (gegen Deutschland) und im Norden (gegen Finnland) errichtete. Weil Stalin offensichtlich wenig Vertrauen hat auf die Stärke seiner Armee, will er sein Land mit einer Art chinesischer Mauer umschließen und sich selbst zweifellos im Kreml vergraben. Ja, wenn er gleichzeitig dort auch den internationalen Kommunismus einschließen könnte!
„Journal de Genève“, Genf, 14. Januar 1937.
Quelle
- Der Angriff - 17. 01. 1937, S. 8