Einsamkeit und Kameradschaft

Aus NS-Archiv

Wechseln zu: Navigation, Suche

Alfred Rosenberg


Einsamkeit und Kameradschaft

Auf einer Kundgebung in der Krolloper anläßlich der 5. Reichsarbeitstagung des Amtes Schrifttumspflege am 18. November 1938 legte Reichsleiter Rosenberg ein Bekenntnis zur schöpferischen Einsamkeit ab und vertiefte die in seinem Vortrag vor dem Schulungsmännern der Partei auf dem „Reichsparteitag Großdeutschlands“ angedeuteten Gedankengänge. Das Anrecht einer schöpferischen Persönlichkeit auf Einsamkeit darf nicht mit dem maßlosen Anspruch eines grenzenlosen Individualismus verwechselt werden, genau so wenig, wie die Lebensform der neuen Kampfkameradschaft des deutschen Volkes mit einer gestaltlosen Masse. Einsamkeit und Kameradschaft sind die beiden starken Pole des schöpferischen Lebens, die der deutschen Nation immer wieder neue Impulse im Daseinskampf schenken.


Diese Arbeitstagung ist in das Zeichen eines alten und doch ewig neuen Problems gestellt worden. Immer wieder vertritt der schöpferische starke Mensch das, was er sein Persönlichkeitsrecht nennt, und immer wieder fordert, namentlich in großen geschichtlichen Bewegungen eine zusammengeballte Willenskraft das Vorrecht einer Gemeinschaft über den Einzelnen.

Die nationalsozialistische Bewegung hat den Anspruch erhoben, in allen wesentlichen Dingen die Gemeinsamkeit ihres Volkes zu formen und sie zu vertreten. Deshalb hat sie aber auch die Pflicht, die Gefahr von vornherein auszuschließen, daß einseitig an die Behandlung dieser alten Fragen des menschlichen Zusammenwirkens herangetreten werden kann.

Sie hat deshalb vom ersten Tage ihrer Wirksamkeit an betont, daß die großen Schöpfungen der Menschheit stets unmittelbarer Ausdruck großer Persönlichkeiten sind. Sie hat in ihrer ganzen Tätigkeit aber ebenso unzweideutig zum Ausdruck gebracht, daß diese große Persönlichkeit, selbst wenn sie oft sich im Gegensatz zu einer Gemeinschaft stellte, doch zutiefst in dieser Gemeinschaft verwurzelt war, ohne sie undenkbar ist, und daß der gegenseitige Widerspruch der meisten darin bestand, daß eben ein großes Talent oder gar ein Genie dem Denken der Umwelt um Jahrzehnte, oder gar um Jahrhunderte vorauseilte. Damit liegt bereits eine Kernfrage offen vor unseren Augen. Immer wird eine große Spannung zwischen einer Persönlichkeit bestehen, die fernsichtig die Notwendigkeiten in der Entwicklung erblickt, sie als Denker und Künstler darstellt oder gar als Staatsmann unmittelbar zu formen unternimmt, und dem breiten Durchschnitt eines Volkes, das, in den Sorgen des Tages befangen, einem kühnen Flug oder gar einer Wendung des gesamten Denkgefüges nicht zu folgen vermag. Von der einen Seite her tönen dann Worte, wie Schopenhauers von der „Fabrikware der Natur“ - und auf der anderen Seite ist die Weltgeschicht erfüllt vom Spießbürgerruf gegen die „Narren und Schwärmer“, die das gesittete ruhige Leben immer wieder stören wollen.

Von einer höheren Warte aus gesehen ist beides notwendig. Ohne den kühnen Gedankenflug großer Menschen würde das Leben erstarren, oder in einer widerlichen Geschäftsheuchelei verlaufen und notwendigerweise dann in einem moralischen Sumpf enden. Und ohne das hemmende Schwergewicht einer sich langsamer fortentwickelnden Masse bliebe ein neuer Gedanke ohne jede dauernde Überprüfung und Härtung, die gerade ihn von einer bodenlosen Schwärmerei unterscheidet.

Was sich hier zwischen Künstler, Denker und Staatsmann auf der einen Seite und geschlossener Gemeinschaften auf der anderen zeigt, findet sein Widerspiel in der berechtigten Forderung des einen: sein Werk für sich leben zu können, und der ebenso berechtigten Forderung auf der anderen Seite: das Ergebnis der Schöpferkraft zur Bereicherung des Lebens der Gemeinschaft einzusetzen.

Man darf wohl sagen, daß eine tiefergehende Charakterisierung dieses Problems in bezug auf das 19. und auf die Wende unseres Jahrhunderts uns zeigt, daß wir in dieser Epoche überhaupt kein organisches Spannungsverhältnis hatten, wie hier eben skizziert, sondern daß auf beiden Seiten die Ansprüche verzerrt und das Berechtigte im Verhältnis der beiden Pole vergessen worden war. Ich habe das in meinem Werk vor acht Jahren besonders unter Heranziehung einer Philosophie der Kunst mich darzustellen bemüht; aber das gleiche gilt für das gesamte Gebiet des Lebens. Die deutsche Sprache hat dafür ein Fremdwort gewählt, und mit Recht. Sie hat vom „Individualismus“ gesprochen und dadurch ein Moment betonen wollen, das beim Begriff der Persönlichkeit eine äußerliche Rolle spielt. Das Individuum hatte die Tendenz, sich von allen Bindungen zu lösen, während im Begriff der Persönlichkeit gerade das Hindurchtönen eines gemeinschaftlichen Überpersönlichen immer mitgeschwungen hat. So bildeten sich um losgelöste Individuen auch nicht echte Jüngergruppen und Gemeinschaften, sondern Sekten und Interessenten, d. h. von Natur und Geschichte losgelöste Phantasten und auf Gemeinschaftsraub ausgehende Wirtschaftsspekulanten. Wie immer in untergehenden Epochen entstanden Sekten und Interessenten stets zuerst in den Großstädten. Der Mensch auf dem Lande wird durch die Natur seiner Arbeit gezwungen, Urteil und Handlung stets durch das Ergebnis seines Werkes überprüft zu sehen, während der in Wirklichkeit bodenlose und nur zu oft urteilslose Großstädter den Schwärmereien über einen herrlichen Zukunftsstaat und eine wunderbare Menschheitsgesellschaft nur zu oft zum Opfer gefallen ist. Auf der anderen Seite war die Gemeinschaft eines durch ihre Glieder zusammenwirkenden Dorfes oder einer Kleinstadt eine überschaubare, unmittelbar miteinander verflochtene Gegebenheit des Lebens, während in einer Weltstadt diese Zellen einer wirklichen Volksgemeinschaft zu einer vergrößerten Interessentengruppe entartete oder aber gleich zur gefährlichen Schwärmerei einer universalistischen Menschheit wurde.

Die letzten 150 Jahre zeigen uns also auf dem einen Pol die Entartung der Persönlichkeit und auf dem anderen die Entartung des Gemeinschaftsgedankens. Es ist, glaube ich, hier das entscheidende Ergebnis der nationalsozialistischen Bewegung, daß sie das alte Verhältnis, das man abstrakt als zwischen Ich und Gesellschaft bestehend hinstellte, nunmehr tiefer begriffen hat als die alte notwendige Spannung zwischen Persönlichkeit und Gemeinschaft und, in der Aufgabe gesehen, als eine Spannung zwischen Einsamkeit und Kameradschaft. Das Erste ist also das Verhältnis der Menschen untereinander, das Zweite ist der Zustand, in dem diese Menschen zu wirken haben. Und hier hat die nationalsozialistische Bewegung mit einer großen Leidenschaft die Idee der Gemeinschaft als Arbeits- und Kampfkameradschaft verkündet, wie kaum jemals eine Bewegung in der deutschen Geschichte. Sie hat in extremer Darstellung dieser Gedanken das Wort aufgegriffen: Ich bin nichts, mein Volk ist alles!, und wollte damit aussprechen, daß jeder alles zu opfern hat, wenn es sich um die Rettung der deutschen Nation als Schande und Knechtschaft handelt. Und diesen Opfern sind Tausende gefolgt; Hunderttausende und Millionen haben sich durch Wort und in der Tat für diese neue Kampfkameradschaft entschieden. Alles, was in diesen Jahren sich auf politischem, militärischem, sozialem Gebiet gebildet hat, steht im Zeichen dieses alle einigenden großen Gedankens. Ob wir hier unmittelbar die NSDAP. als Organisation nennen, ob wir unsere Wehrmacht betrachten oder auf die Deutsche Arbeitsfront, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt blicken, überall tritt dieser harte, unsentimentale und doch im tiefsten Gefühl lebende Gedanke einer neuen Gemeinschaft zutage. In der Erziehung sind die nationalsozialistischen Ordensburgen schon Symbol geworden für eine solche bewußt eingesetzte Lebensauffassung, welche die Rücksicht auf den anderen fordert, die von ihm erwartet, Verständnis für seinen Nachbarsmann als gleichwertigen Kampfkameraden aufzubringen und bereit zu sein zu einem gemeinsamen Einsatz und dann ohne Rücksicht auf sonst noch so berechtigte Einzelansprüche.

Auch das, was als Berufsorganisation heute vorhanden ist, trägt das Schwergewicht der Arbeit nicht in der Betonung der an sich berechtigten Interessen eines Berufes, sondern dieser wird hingestellt als ein gemeinsames, mit allen mitarbeitendes Glied der deutschen Volks- und Kampfgemeinschaft.

Kurz, noch nie sind die Bataillone einer Volkskameradschaft so vielfältig und doch so folgerichtig auf ein einziges großes Ziel ausgerichtet gewesen wie heute, und das Beglückende ist, daß sie nicht irgendeiner abstrakten Gesellschaft oder einer universalistischen Gemeinschaft dienen, sondern der heute konkret erfaßten Wirklichkeit des Daseinskampfes der deutschen Nation inmitten der übrigen Völker der Welt, den Lebensinteressen dieser Nation und der Gesamtverteidigung der edelsten Werte des germanisch-deutschen Menschen.

Doch wenn wir uns alle im Kampf um dieses Dasein des deutschen Volkes für diesen Satz: Ich bin nichts, mein Volk ist alles! bekannt haben, so ist damit wohl eine Verpflichtung für alle ausgesprochen worden, aber nicht eine Bewertung oder Herabminderung der einzelnen großen Persönlichkeit; denn nach wie vor sehen wir gerade in ihr sowohl eine Krönung eines nur selten ausgesprochenen allgemeinen Volkswillens, aber zugleich auch das instinktiv vortastende Formen eines neuen Wollens, das dann als bildende Gemeinschaftskraft zurückwirkt.

Wenn wir den Dingen von heute jetzt offen ins Auge sehen, so können wir sagen, daß der Kampf um die Volkskameradschaft im Prinzip ausgetragen ist, daß die Kameradschaften unserer Bewegung Bestand der gesamten Nation wurden, und mit Freuden können wir feststellen, daß Millionen und aber Millionen sich dieser großen Gemeinschaftsarbeit zur Verfügung gestellt haben. In Kampfzeiten wie heute ist es zudem natürlich, daß alle diese Formationen einen straffen Charakter aufweisen, um wirklich ein immer verfügbares Werkzeug in der Hand der politischen Führung zu sein.

Aber wir haben auch mit aufmerksamen Augen die Vertretung des anderen Poles beobachtet, und ich für meine Person gestehe, daß ich diese Bewegung mit innerer Zustimmung und Anteilnahme verfolgt habe. Gegenüber dem von allen anerkannten Recht der Gesamtheit auf die Zeit und Arbeitskraft des einzelnen in- und außerhalb seines Berufes tritt die Forderung auch nach Beschaulichkeit, nach gesammelten Stunden, nach der Einsamkeit. Ich habe dieses Problem auf der Schulungstagung des diesjährigen Reichsparteitages in Nürnberg aufgegriffen und habe betont, daß, wenn wir uns selbst überprüfen und wenn wir die anderen großen Menschen, gleich, auf welchem Gebiete, überschauen, wir wohl feststellen dürfen, daß die entscheidenden Entschlüsse Ergebnisse der einsamen Stunden dieser Großen gewesen sind. Es ist schon so, daß die Kameradschaft gleichsam das große Einatmen des Menschen darstellt. Durch diese Kameradschaft lernt er andere Persönlichkeiten kennen, lernt er neue Aufgaben, erblickt er neue Probleme, und in Stunden der Zurückgezogenheit, deren Ergebnisse man als ein großes Ausatmen bezeichnen darf, da werden die großen Eindrücke von außen im Innern verarbeitet, und, wenn man sich richtig einfügt, wieder einer Kameradschaft als förderndes Ergebnis zurückgegeben.

Wenn der Führer so oft und namentlich in Stunden notwendiger schwerer Entscheidungen Berlin verläßt und sich in seine Berge begibt, so ist das nur das größte Symbol dafür, was auf anderen Gebieten und in verschiedenen Berufen ebenfalls Lebensnotwendigkeit für jeden farstellt. Der Führer verläßt dieses zwar sehr lebendige und aktive, aber manchmal auch nervöse Berlin, um unabhängig von vielen Zufälligkeiten einer Weltstadt Entschlüsse zu fassen, nur vom Gesichtspunkt der großen Notwendigkeiten und Möglichkeiten des Deutschen Reiches.

Und der Künstler und Denker wird eine brodelnde Weltstadt ebenfalls manchmal verlassen wollen, um in stillen Stunden allein für sich - sei es, einem Gedanken, sei es, einem Bauprojekt, sei es, einer dichterischen Idee - wirklich nachzugehen. Erst in dieser Einsamkeit werden sich ihm die anfänglich nur undeutlichen Gestalten herausbilden. Aus einem Gedanken wird so nach und nach lebendiges Leben, und Schemen verwandeln sich in Gestalten, die unter einer großen Hand dann dauernde Symbole einer Zeit oder gar seelische Gleichnisse eines überzeutlichen Volkstums werden können.

Und deshalb, deutsche Dichter und Künstler, wenn wir diese Tagung in das Zeichen der Einsamkeit gestellt haben, so wollen wir damit einer Notwendigkeit Rechnung tragen, die Sie vertreten müssen, um in der bewegten Zeit von heute Stunden der Sammlung zu haben, aber, und das ist ja wohl das Unterscheidende gegenüber der Betonung der Berechtigung der Einsamkeit in der Vergangenheit: diese Einsamkeit soll nicht eine Vereinzelung sein, sondern eine Kräftesammlung für sich selbst, aber auch für uns alle! Deshalb ist es auch nicht ein Widerspruch, wie es vielleicht früher gewesen sein mag, daß sich hier eine große Kameradschaft wie die nationalsozialistische Bewegung für das Recht der Einsamkeit ausspricht, denn sie weiß, daß dieser Einsame dann nicht allein ist, sondern daß er immer wieder in eine bodenverwurzelte Gemeinschaft zurückkehrt und nicht der Gefahr unterliegt, nur ein abgesplitterter Teil eines Ganzen zu werden. Wir wollen als nationalsozialistische Gesamtbewegung deshalb beide Pole gestärkt wissen, und zwar organisch gestärkt. Auf der einen Seite die Einsamkeit der schöpferischen Persönlichkeit ohne Individualismus der sektiererischen Wirtschaftsinteressenten, auf der anderen Seite keine gestaltlose Millionenmasse, sondern eine durchgegliederte Kampfkameradschaft der deutschen Nation. Wenn wir diese beiden Pole stark wissen, dann wissen wir auch, daß das schöpferische Leben des deutschen Volkes niemals aufhören wird, sondern immer wieder neue Impulse von beiden Seiten erhält.

Aber wir wissen ebenso gut, daß eine solche Gesamthaltung nicht von jedem Einzelnen nach beiden Seiten unbefangen durchgehalten werden kann. Die nationalsozialistische Bewegung muß deshalb so groß und so stark sein, daß sie stärkste Vertretungen von beiden Seiten in sich beherbergen kann, d. h. sie wird Temperamente unter sich führend wissen, die immer wieder mit ihrem ganzen Denken und Handeln diesen Begriff der allgemeinen Kampfkameradschaft an die Spitze stellen. Das müssen jene sein, die diese Organisationen führen und ihnen imer wieder neues Leben und neue Kraft einzuflößen haben. Und auf der anderen Seite werden dann ebenso temperamentvolle - und wenn nötig, auch einseitige - Einzelne stehen, die ein bestimmtes Werk in ihrem Herzen tragen und nun dieses ihr geistig-seelisches Kind nach allen Richtungen hin - auch, wenn nötig, in geharnischter Form - zu verteidigen wissen. Auch diese Menschen, ob sie als Architekten, Maler, Dichter, Musiker wirken, oder ob sie als Denker einem Gedanken Folge leisten wollen, sollen das Bewußtsein haben, hier nicht etwa als Störer einer großen Kameradschaft zu erscheinen, sondern in dieser ihrer Einsamkeit großes Verständnis bei der gesamten Bewegung zu finden. Der große Rhythmus unserer Zeit wird es dann zu verhindern wissen, daß diese Menschen allein für sich dastehen oder vergrämt sich aus dem Dasein überhaupt zurückziehen. Hier entsteht die Aufgabe dann auch für uns alle, die wir auf dieser Tagung verbunden sind, die fördernde Hand jenen auszustrecken, die uns ein Werk entgegenzutragen haben.

Dieses Gesamtverhältnis und die Verpflichtung, die es heute mit sich bringt, mag an einem Beispiel erläutert werden. Allen jenen, die sich mit Werken der Kunst und Urteilen über sie beschäftigen, ist die Pflicht auferlegt worden, dem Kunstwerk und dem Künstler von vornherein mit der notwendigen Achtung vor dem Werk und seiner Darstellung zu begegnen. Die sogenannte „Kritik“ der vergangenen Jahrzehnte war in einen Zustand der Verwilderung ohnegleichen geraten, und die „Kritiker“ erblickten einen großen Teil ihrer Aufgabe darin, sich durch ätzende Behandlung der Künstler das Ansehen witziger, kluger Köpfe zu verschaffen. Gelobt wurde fast nur eine bestimmte Clique von Literaten, mit denen man - sei es rassisch, sei es geschäftspolitisch - verbunden war, während viele noch so gute Leistungen deutscher Künstler der allgemeinen Verspottung verfielen.

Im Zentralorgan unserer Bewegung ist der Ruf nach einer Reform dieser Gesamthaltung schon vor 8 Jahren erhoben worden, und nach und nach beginnt es heute selbstverständlich zu werden, daß ein Mensch, der ein Urteil über eine künstlerische Leistung abgeben will, zunächst einmal dieser selbst mit Achtung entgegentritt und dann mit dem gleichen Gefühl sich bemüht, einem anderen die Beweggründe der Werke und ihrer Form darzulegen. Es ist dabei allerdings falsch, wenn man etwa erklärt, ein Mensch dürfe nur dann urteilen und eventuell auch eine ablehnende Haltung einnehmen, wenn er selbst imstande sei, es besser zu machen. Ganz abgesehen von den höheren Führungsstellen, wird es fast durchgehend der Fall sein, daß nicht ein Maler über den Maler, ein Schauspieler über den Schauspieler, ein Dichter über den Dichter zu berichten und eventuell zu urteilen hat. Die Subjektivität eines Künstlers ist die Voraussetzung seiner Stärke, aber auch die Bedingung, die ihn oft hindert, einen ganz anders geartete und vielleicht doch gleichwertigen Berufskameraden und dessen künstlerische Beweggründe richtig einzuschätzen. Beispiele für diese Tatsache weist die Geschichte der Kunst in großer Anzahl auf. Darum fordern die Darstellung einer Leistung und ein Urteil nicht notwendig die Beherrschung der gleichen Kunst, wohl aber einen gesunden Instinkt, eine kultivierte Urteilskraft und, wenn möglich, auch ein persönliches Verständnis für den behandelten Künstler.

Wenn diese Forderungen von der Allgemeinheit denen gegenüber ernsthaft erhoben worden sind, die vor einer Volksgemeinschaft Kunst und Künstler dem Volke näher bringen sollen, und, wie es das Leben mit sich bringt, auch urteilen müssen, so darf ich wohl an dieser Stelle, wo wir für die Berechtigung der Einsamkeit des Dichters eintreren, auch aussprechen, daß mit dieser Forderung an den aufnehmenden Teil auch eine Erwartung dem Künstler gegenüber verbunden ist. Wenn wir von vornherein Achtung vor der Kunst und dem Künstler fordern, so erwarten wir auch, daß dieser Künstler seinerseits Achtung vor der Natur, vor den Werten seiner Nation und vor der Vergangenheit seines Volkes mitbringt.

Die Natur ist nicht ein Objekt willkürlicher Launenauslassungen verwahrloster Temperamente. Die Geschichte mit ihren tragenden Persönlichkeiten fordert auch die Berücksichtigung ihrer Tatsächlichkeiten seitens des sie behandelnden Künstlers. Mag man der dichterischen Freiheit noch soviel Raum lassen in der Erkenntnis, daß die geschichtswirkende Kraft eines Menschen nicht notwendig mit seinem sonstigen privaten Schicksal verbunden erscheint und deshalb aus manchen Zufälligkeiten herausgehoben werden kann, so geht es nicht an, wie es manchmal geschieht, einfach Gefühle und Gedanken unserer Gegenwart in Gestalten der Vergangenheit hineinzutragen und diese, ohne sie aus ihrer eigenen Zeit zu begreifen, als Träger der Ideen unserer Epoche vorzuführen. Das Leben auch der Vergangenheit ist so farbig und wechselartig, daß der Dichter immer noch einen weiten Spielraum hat und es ihm deshalb der künstlerische Takt verbieten muß, hier eine Vermischung der Persönlichkeiten und Gedanken verschiedenster Zeitalter vorzunehmen und gar dann auch noch die bewegungslose Achtung seitens des Urteils der nationalen Gemeinschaft zu erwarten. Erst wenn dieses allgemeine Achtungsgefühl jeden Künstler beherrscht, wenn er ein Thema aus dem Leben der Nation behandelt, dann erst darf auch er erwarten, daß bei Beurteilung seines Werkes das gleiche Gefühl anhält, dann erst darf er als Dramatiker auch die Forderung stellen, daß Regisseure und Bühnenbildner sein Werk ebenfalls nicht als Möglichkeit für das Durchexperimentieren subjektivistischer Einfälle betrachten, sondern es aus eigenen Gegebenheiten bewerten und somit nicht ihre, sondern des Werkes Grundgedanken zu verdeutlichen sich bemühen.

Ich weiß, daß die Aufgaben des Lebens niemals so glatt aufgehen, wie die besten Wünsche es ausdrücken. Das darf uns aber nicht hindern, zum mindesten bestimmte Grundsätze innerlich anzuerkennen; und wenn wir das tun, dann erst ist die Voraussetzung für eine größtmögliche Erfüllung dieser Wünsche und Gedanken gegeben. Zugleich ist damit auch jenes innere Verflochtensein anerkannt und ausgesprochen, das zwischen echter Persönlichkeit und einem organischen Gemeinschaftswillen bestehen soll.

Ich glaube, wenn Sie, alle meine Mitarbeiter, ihre Tätigkeit so auffassen, dann dienen Sie, indem Sie für die Bewegung auftreten, der Bereicherung dieser großen Kampfkameradschaft des 20. Jahrhunderts, und, indem Sie einem Einzelnen die Hand reichen, bereichern Sie ihm sein Leben und geben ihm eine neue Kraft mit, die alle seine weiteren Schöpfungsmöglichkeiten zur neuen Entfaltung antreibt.

So glaube ich, daß wir dieses Problem, das uns hier zu allererst als Schrifttumspflege der Bewegung ins Auge tritt, zugleich als große Frage der Erziehung der gesamten Nation auffassen können. Bei allem Unterschied des Temperaments ist als Zeichen der nationalsozialistischen Weltanschauung aus einem Gegenübertreten oder gar aus einem Gegeneinander ein großes Miteinander geworden. Hier mit pflegender und sorgender Hand zu helfen, eine Höchststeigerung des Lebens der deutschen Nation herbeizuführen, muß, ganz gleich, in welcher Stellung diese pflegende Persönlichkeit auch stehen mag, mit zu dem Schönsten gehören, was uns die nationalsozialistische Bewegung als Auftrag zu erteilen vermag.

Der alte Kampf zwischen Kultur und Macht, der von blinden Theoretikern früher als eine Notwendigkeit hingestellt wurde, ist längst als gegenstandslos in unseren Herzen überwunden worden; wir empfinden auch hier keinen Gegensatz, sondern ein Zusammengehen der Kräfte und sind der tiefsten Überzeugung, daß Deutschland, das heute wieder sein Recht in der Welt sich durch seine neu errungene Macht erworben hat, auch zugleich der Förderer einer in der Geburtsstunde stehenden neuen deutschen Kultur und eines neuen deutschen Denkens ist. Gerade in dieser Einheit von Leben, Kunst und Weltanschauung erblicken wir das Geheimnis unserer Tage und haben das beglückende Bewußtsein, hier den Glockenschlag einer neuen Epoche zu hören.

Quelle

  • Blut und Ehre IV, S. 188-200.

Anmerkungen

Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.

Persönliche Werkzeuge