Die Brücke über die Saar
Aus NS-Archiv
Dr. Erwin Topf
Die Brücke über die Saar.
Vor ein paar Wochen kam ein englischer Journalist ins Saargebiet mit dem Auftrag, seinem Blatt einen genauen und streng objektiven Bericht über die Verhältnisse dort zu liefern. Er bemühte sich auch gewissenhaft, dieser Aufgabe gerecht zu werden, und beschloß als typischer Engländer, weder historischen Darstellungen noch statistischen Unterlagen den geringsten Glauben zu schenken, sondern sich sein Urteil ganz aus eigener Anschauung zu bilden. Am zweiten oder dritten Tage seines Aufenthaltes hatte er immer noch einige Bedenken, ob sein erster Eindruck, wonach das Saarland völlig deutsch sei und alle französischen Einflüsse entschieden ablehne, in dieser Ausschließlichkeit auch ganz hieb- und stichfest sei. Das mag daher gekommen sein, daß der Engländer zunächst die vom Völkerbundsrat ins Saargebiet entsandte Regierungskommission und die französische Grubenverwaltung besucht hatte - vor allen Dingen aber war diese Unsicherheit dadurch bedingt, daß der Journalist weder die deutsche noch die französische Sprache völlig beherrschte.
Schließlich kam ein Zufall dem gewissenhaften Wahrheitssucher zu Hilfe. In einer Unterhaltung mit einem Saarbrücker Bürger kam nämlich die Rede darauf, daß eine der von der Regierungskommission des Saargebiets herausgegebenen Briefmarken das Bild einer der vielen Brücken trägt, die der Stadt an der Saar den Namen gegeben haben, und daß dieses Briefmarkenbild eine an sich belanglose, aber doch ganz charakteristische „Korrektur“ der Wirklichkeit zeigt: Das Denkmal Kaiser Wilhelms I., das sich mitten auf der Brücke erhebt, ist nämlich auf der Briefmarke „fortgelassen“.
Als dem englischen Journalisten dies demonstriert wurde, hatte er damit schon einen guten Einblick in die Mentalität der Regierungskommission genommen, die ja vielfach in einer recht kleinlichen Manier gegen ihre Verpflichtung, ein objektiv handelnder Treuhänder für das Land an der Saar und seine Bewohner zu sein, verstoßen hat. Die eigentliche Erkenntnis von dem rein deutschen Charakter des Landes kam dem Engländer aber erst im weiteren Verlauf des Gesprächs, als ihm berichtet wurde, wie das Kaiser-Denkmal mitten auf der Brücke entstanden ist.
Es handelt sich dabei um die folgende kuriose Geschichte: Die heutige Stadt Saarbrücken ist erst vor 25 Jahren aus der Zusammenfassung der beiden Schwesterstädte St. Johann - nördlich der Saar - und Saarbrücken - südlich der Saar - entstanden. Als bald nach dem Krieg von 1870/71 ein Denkmal des alten Kaisers geschaffen werden sollte, entstand ein schwerer Rivalitätsstreit zwischen den Nachbarstädten; St. Johann verlangte, daß das Denkmal in seinem Gemeindebereich errichtet werden müsse, weil ja hier die Truppen, die zum Sturm auf die Spicherer Höhen angetreten waren, ausgeladen worden seien, und Saarbrücken beanspruchte für sich den Vorrang, mit der Begründung, daß der damalige König von Preußen während des Gefechts in einem Haus südlich der Saar, also in Saarbrücken selbst, sein Quartier gehabt habe. Schließlich fand der müßige Streit sein Ende mit dem wahrhaft salomonischen Beschluß, das Denkmal genau auf der Stadtgrenze zwischen Saarbrücken und St. Johann zu errichten: nämlich auf dem Mittelpfeiler der größten und schönsten der vier Brücken über die Saar, die beide Städte verbinden.
Ein solcher Wettstreit, so meinte der Engländer, als ihm diese Anekdote berichtet wurde, und eine solche Lösung, das sei „quite German“, echt deutsch, und nun erklärte er auch alle seine Skrupel für erledigt, die er noch wegen der Frage empfunden hatte, ob das Land an der Saar denn auch im innersten Wesen und uneingeschränkt deutsch sei.
Vergebliche Suche nach „Saar-Franzosen“
„Das Saargebiet rein deutsch?“, so fragt jeder Ausländer, der die Verhältnisse an der Saar noch nicht genau kennt, zunächst ungläubig. „Das kann doch wohl nicht stimmen ... irgendeinen Haken muß die Sache schon haben: sonst wäre es ja doch ganz unerfindlich, warum im Versailler Vertrag ein fünfzehnjähriger Interimszustand geschaffen worden ist mit der Klausel, daß die Saarländer dann in freier Volksabstimmung über ihre Zugehörigkeit zu einem der beiden Nachbarländer, Deutschland oder Frankreich, entscheiden sollen. Im Vertrag von Versailles mag Deutschland viel Unrecht geschehen sein - aber einen solch handgreiflichen Unsinn, ein rein deutsches Gebiet, das unter allen Umständen zum Reich gehören will, unter die Treuhänderschaft des Völkerbundes zu stellen, dergleichen hätte man doch nicht ohne Grund und ohne irgendwelche konkrete Veranlassung gemacht. Es muß ja schließlich doch etwas an der Sache dran sein...“
Es dauert gewöhnlich eine ganze Zeit, bis ein solcher ausländischer Betrachter zu der Erkenntnis vorstößt, daß „nichts an der Sache dran ist“, und daß die geradezu ungeheuerliche Maßnahme des Versailler Vertrages, die Saarbevölkerung gegen ihren Willen fünfzehn Jahre vom Mutterlande abzutrennen und sie erst nach dieser Zeit, in der dem französischen Einfluß (schon allein durch das französische Zollregime!) alle Tore geöffnet waren, im Sinne des „Selbstbestimmungsrechtes der Völker“ nach ihrem Willen zu befragen, einen reinen Willkürakt darstellt.
Zunächst beginnt jeder Ausländer damit, die Französisch sprechende Minderheit zu suchen, die angeblich, nach einem Wort von Clemenceau („es gibt da 150 000 Menschen, und das sind Franzosen“), hier ansässig sein soll. Diese Suche bleibt freilich ergebnislos. Französisch wird an der Saar lediglich von den französischen Zollbeamten und im Bereich der Grubenverwaltung gesprochen, und auch dort nur, wenn die aus Frankreich (zumeist aus Lothringen) herangeholten Angestellten unter sich sind; im Verkehr mit dem Publikum und der Arbeiterschaft muß deutsch gesprochen werden - weil die französische Sprache eben nicht verstanden wird. Bei der letzten Volkszählung der Vorkriegszeit (1910) ergab sich, daß von den 572 000 Einwohnern, die damals in den heute als „Saargebiet“ zusammengefaßten Gebieten lebten (es sind dies der Stadtkreis Saarbrücken und fünf zum Teil zerschnittene preußische Kreise sowie zwei ebenfalls zerschnittene Bezirke der bayerischen Pfalz), nur 339 Menschen das Französische als ihre Muttersprache bezeichneten. Die Saar-Regierung hat, als sie 1927 eine Volkszählung veranstaltete, gleichfalls die Frage nach der Muttersprache gestellt; das Ergebnis scheint aber für die französischen Interessen, deren sich die Regierung, obwohl sie lediglich der Treuhänder des Völkerbundes im Saargebiet sein soll, stets liebevoll angenommen hat, geradezu katastrophal ausgefallen zu sein: jedenfalls sind die Ergebnisse der Zählung niemals veröffentlicht worden!
Der sehr berechtigte Hinweis darauf, daß das Saarland stets dem deutschen Staatsverbande angehört hat, bis auf die Zeit von 1680 (Réunionskammern) bis 1697 (Friede von Rijswijk) und von 1792 bis 1814 (nur im Bezirk von Saarlouis dauerte die „Franzosenzeit“ von 1680 bis 1815), wird von ausländischen Betrachtern, die in der Regelung von Versailles doch noch einen gewissen „Sinn“ suchen, gewöhnlich beiseitegeschoben; nicht auf die Historie komme es an, so sagen sie wohl, sondern auf den augenblicklichen Zustand. Auch der Hinweis darauf, daß die deutsch-französische Sprachgrenze fast 40 Kilometer westlich vom Saargebiet verläuft, Luxemburg und Teile von Südostbelgien einschließend und große Teile Lothringens, des 1871 französisch gebliebenen Teils von Lothringen umfassend, erscheint solchen „Wahrheitssuchern“ nicht stichhaltig. Noch weniger ist mit dem Argument durchzudringen, daß die rassenmäßige Zusammensetzung der Bevölkerung die Zugehörigkeit zu Deutschland erkennen lasse, da in Luxemburg und Lothringen dieselbe Mischung nordisch-dinarisch-ostischer Rassenelemente (mit einem Vorwiegen des ostischen Blutanteils und einem kaum merklichen Einsprengsel mediterranen Blutes) vorhanden ist wie im Saarland. Immer wieder, auch nach Erkenntnis der Tatsache, daß hier keine Französisch sprechende Minderheit vorhanden ist, wird die Frage aufgeworfen werden, ob die Saarbevölkerung, deren Zugehörigkeit zum deutschen Volkstum und speziell zum rhein- und moselfränkischen Staat schließlich nicht mehr bestritten werden kann, auch wirklich ihrem innersten Wesen nach zu Deutschland gehört und gehören will.
Verlockungen jenseits der Grenze?
Diese Frage wird freilich der unbefangene Betrachter nach kurzem Studium der Dinge mit einem uneingeschränkten „Ja“ beantworten müssen. Es kann ohne weiteres zugegeben werden, daß die Mehrzahl der (Deutsch sprechenden) Elsässer, Lothringer und Luxemburger nicht den Anschluß an Deutschland wünscht (wenn auch für Elsaß-Lothringen die Einbeziehung in den französischen Staatsverband immer höchst fühlbar eine problematische Sache bleiben wird). Aber aus dieser Tatsache lassen sich nicht irgendwelche Rückschlüsse auf die Haltung der Saarländer ziehen. Das Saargebiet ist, dank der Tatsache, daß an seiner Westgrenze eine rein deutschsprachige Bevölkerung des gleichen fränkischen Stammes sitzt, niemals ein Grenzland in dem Sinne gewesen, daß hier bereits eine Vermischung der Lebensstile und eine zwiespältige Haltung der Menschen entstanden wäre. Ein „Schielen über die Grenze“ hat es nie gegeben. Im Gegenteil, man hat hier die deutsche Art stets als überlegen empfunden.
Die entschiedene Ablehnung alles Französischen mag wohl auch geschichtlich bedingt sein: Die Raubzüge Ludwigs XIV. und der französischen Revolutionsheere haben im Grenzland, in der Pfalz und am Rhein, zu tiefe Spuren hinterlassen. Auch der „Glanz“ der napoleonischen Herrschaft hat die Menschen im linksrheinischen Deutschland, die schwere Opfer an Gut und Blut für das französische Regime bringen mußten, nicht zu blenden vermocht. Kennzeichnend dafür ist, daß die Bürger von Saarbrücken, deren Gebiet nach dem Wiener Kongreß noch bei Frankreich verblieben war, in einer Denkschrift an die Pariser Friedenskonferenz von 1815 die „Befreiung vom französischen Joch und die Wiedervereinigung mit dem deutschen Vaterland“ forderten, und daß der Magistrat von Saarlouis nach der „Rückgliederung“ von 1815 einstimmig eine Dankadresse an den König von Preußen richtete, in der es hieß: „In Treue und Liebe werden wir uns bestreben, des Glückes würdig zu sein, uns Preußen nennen zu dürfen.“
In der Tat hat das Saarland unter der preußisch-deutschen Herrschaft (und für die pfälzischen Gebietsteile gilt das gleiche) nur glückliche Zeiten erlebt, besonders nach 1871, als das lothringische Hinterland wieder zum Reich gekommen war und nun an einem unerhörten wirtschaftlichen Aufstieg mit teilnehmen konnte. Auch die unglücklichen Folgen des Weltkrieges, mit dem erneuten Verlust Lothringens, haben keinerlei Änderungen in der Haltung der Bevölkerung hervorgerufen. Das Wort „Und im Unglück nun erst recht“ ist hier oft ausgesprochen worden. Das lothringische Beispiel, das hier sichtbar vor aller Augen lag - man bedenke, daß die lothringische Grenze nur drei Kilomenter südlich vom Kern der Stadt Saarbrücken über die Spicherer Höhen verläuft, und daß die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Saarbrücken und Forbach noch immer recht intensiv sind - bot nichts Verlockendes.
Vor allem hat die französische Arbeits- und Sozialpolitik keine moralischen Eroberungen machen können. Das gilt nicht nur von dem französischen Regime auf den Kohlengruben des Saargebietes, das bei einem Vergleich mit der staatlichen Bergwerksverwaltung der Vorkriegszeit in jeder Beziehung schlecht abschneidet, sondern auch von der Arbeiterpolitik jenseits der Grenze. Der Saararbeiter, der stets nur zwischen Landsleiten „geschafft“ hat - polnische Arbeiter, wie im Ruhrgebiet, hat es hier auf den Gruben und Hütten nie gegeben - und für den die „Saargänger“ aus der Pfalz, vom Hochwald-Hunsrück und aus der Eifel schon beinahe als „Ausländer“ galten, hat mit stärkster innerer Ablehnung die Entwicklung der Arbeitsverhältnisse im benachbarten Lothringen mit angesehen, wohin Menschen aller Rassen - darunter Neger und Anamiten - aus dem Inneren Frankreichs abgeschoben worden waren, bis sich schließlich Angehörige von 23 Nationen in einer der großen Arbeitersiedlungen von Merlenbach zusammenfanden, und Minderheitsschulen für Polen, Tschechen und Italiener gebaut werden mußten.
Wie stark in diesem „Grenzgebiet“ an der Saar wider alles Erwarten, die Ablehnung des „Französischen“ in jeder Form ist, das spricht sich schließlich recht deutlich in den Konsumgewohnheiten aus. Der Saarländer trinkt keinen französischen Rotwein und keine Aperitifs; er raucht keine französischen Zigaretten; französische Kosmetika und Parfüme sind kaum in den Schaufenstern zu sehen. Wo es notwendig war, infolge der Zollabsperrung von Deutschland, französische Waren zu kaufen, wurden solche lothringischen und elsässischen Ursprungs bevorzugt, und diese auch nur dann, wenn sich die Lieferanten dazu bequemten, ihre „Exportwaren“ unter deutscher Bezeichnung und mit deutschem Aufdruck anzubieten. Niemand kann sagen, daß Saarbrücken oder Saarlouis oder sonst eine Stat im Saarland auch nur im geringsten „französische Züge“ trägt - mit demselben Recht könnte man etwa in Aachen belgische, in Passau italienische, in Dresden tschechische, in Breslau polnische oder in Kiel dänische Einflüsse „konstatieren“.
Die drei „gleichberechtigten“ Lösungen
Die Tatsache, daß die Regelung der politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse in dem Land an der Saar, dem erst im Vertrag von Versailles willkürlich geschaffenen und willkürlich begrenzten „Saargebiet“, geradezu eine Ungeheuerlichkeit darstellt, muß immer wieder betont werden: nicht deshalb, um alte Wunden aufzureißen und um die Erinnerung an ein erlittenes Unrecht wach zu halten, nicht deshalb, um mit dieser Feststellung immer wieder der französischen Politik eine Rechnung zu präsentieren und auch nicht deshalb, um Zweifler zu bekehren (denn wer jetzt noch zweifelt, ist unbelehrbar), sondern allein aus dem Grunde, weil nur von diesem Ausgangspunkte her die ganze weitere Entwicklung des Saar-Problems bis zum heutigen Tage verständlich ist. All die Reibungen zwischen der saarländischen Bevölkerung, dem Völkerbunds-Regime, das in der Regierungskommission des Saargebietes verkörpert ist, und all die Schwierigkeiten, die sich um den Begriff „Status quo“ gruppieren, beruhen letztlich auf der im Grunde verlogenen und wirklichkeitsfremden Regelung des Versailler Vertrages und seines Saar-Statuts. Sie beruhen darauf, daß die Regierungskommission an den künstlichen Konstruktionen des Statuts festhält und damit dauernd in Widersprüche zur Wirklichkeit gerät.
Gewiß hat die mangelnde Objektivität des Regimes und eines Teiles seiner Beamten in früheren Jahren und auch noch in der letzten Zeit zu vielen berechtigten Klagen der Saarländer Anlaß gegeben; gewiß sind auch manche Maßnahmen der Regierungskommission nur aus einer böswilligen Verletzung ihrer Objektivitätspflichten gegenüber Deutschland und aus einer Bevorzugung der französischen Interessen zu erklären. Aber der letzte Grund für die hier zutage getretenen Schwierigkeiten sind doch die Paragraphen von Versailles, die Deutschland im deutschen Saargebiet zu einer Nation minderen Rechtes machen - keine Deutschen, wohl aber Franzosen dürfen in der Regierungskommission sitzen und ihr präsidieren - und die für das Schicksal des Gebietes nach der fünfzehnjährigen Interimsherrschaft drei „gleichberechtigte“ Lösungsmöglichkeiten vorsehen: erstens den Status quo, zweitens den Anschluß an Frankreich, und erst drittens die Möglichkeit, die stets selbstverständlich gewesen ist: die Rückkehr zu Deutschland.
In Frankreich selbst und ebenso in der Regierungskommission war man sich schon seit langem darüber klar, daß die Möglichkeit eines Anschlusses an Frankreich praktisch nicht in Betracht kommen werde. Es hat freilich im Jahre 1923 auch im Saargebiet, ebenso wie im besetzten Rheinland und in der Pfalz, eine „separatistische Bewegung“ bestanden, die sich den Zielen der französischen Politik gefügig zeigte. Aber diese Gruppe, die fast ausschließlich aus minderwertigen und korrupten Elementen bestand, hat niemals eine nennenswerte Anhängerschaft gewinnen können. Das Wort „Und im Unglück nun erst recht“ hat standgehalten gegen alle Argumente, die zur Abkehr von einem scheinbar dem politischen und wirtschaftlichen Verfall preisgegebenen „Inflationsdeutschland“ angeführt wurden. In der politischen Vertretung des Saarlandes, dem Landesrat, hat die Separatistenpartei niemals auch nur einen Sitz erringen können; da auch die Kommunisten und die Sozialdemokraten entschieden für die Rückgliederung eintraten und damit immer wieder in einen Gegensatz zur Regierung gerieten, hat dieses Miniaturparlament von 30 Sitzen nur die Rolle eines unbequemen Mahners spielen können: alle Gesetze und Verordnungen der Regierungskommission, mit nur einer einzigen Ausnahme, sind ohne Mitwirkung des Landesrates dekretiert worden.
Lange Zeit hindurch ist trotz aller Bemühungen von französischer Seite auch keinerlei nennenswerte Propaganda für die „endgültige“ Beibehaltung des Völkerbundsregimes, also für die „Lösung Nr. 1“ des Saarstatuts - den Status quo - im Saargebiet zustande gekommen. Die Rückkehr nach Deutschland war, wie gesagt, eine Selbstverständlichkeit, und die Erfahrungen, die man mit der vom Völkerbund eingesetzten „treuhänderischen“ Regierung all die Jahre hindurch gemacht hatte, ließen die endgültige Unterstellung des Saarlandes unter die Völkerbundssouveränität nicht im geringsten verlockend erscheinen. Man war sich auch völlig darüber klar, daß ein solcher Miniaturstaat, in dem Frankreich die Kohlengruben und damit die wirtschaftliche „Schlüsselstellung“ (ganz oder doch in ihren wertvollsten Teilen) in der Hand behalten werde, praktisch nur von Frankreichs Gnaden leben könne, besonders dann, wenn (wie unbedingt zu erwarten war) die Einbeziehung in das französische Zoll- und Währungsbegiet bestehen bliebe. Und da die französische Politik sich wohl oder übel mit dieser Entwicklung abfinden mußte, die offensichtlich zu einer Ablehnung des Anschlusses an Frankreich und gleichermaßen zu einer Ablehnung der Status-quo-Lösung führte, so richtete man sich auf französischer Seite, besonders bei der Grubenverwaltung, auch schon auf die für 1935 bevorstehende Rückgliederung ein, ohne allerdings diese Tendenz irgendwie in Erscheinung treten zu lassen. Die offizielle Politik Frankreichs hielt nach wie vor an der These fest, daß man einen „Rechtsanspruch“ von 33⅓ Prozent auf die Saar habe, entsprechend der „Lösung Nr. 2“ des Saarstatuts, und einen nicht minder beträchtlichen moralischen Anspruch. Nur vorübergehend, zur Zeit des Locarno-Paktes und der Rheinlandräumung, zeigt sich in Paris (1929) eine gewisse Bereitschaft, durch ein direktes Abkommen mit Deutschland die Saarfrage, ohne den Völkerbund noch groß zu bemühen, und ohne das selbstverständliche Ergebnis der Abstimmung von 1935 abzuwarten, endgültig aus der Welt zu schaffen. Aber diese Anwandlung ging relativ schnell vorüber, und wieder kam nun in der Saarfrage die „klassische“ französische Politik zu ihrem Recht, mit den Leitsätzen: keinen Rechtsanspruch aufgeben, auf wirtschaftlichem Gebiete weiterarbeiten und die Entwicklung abwarten, ob sie nicht, wenn auch die erwünschte Lösung unmöglich ist, wenigstens die Chance einer „Teillösung“ gewährt.
Frankreichs Interessen an der Saar
Der imperialistische Geist, der die Haltung Frankreichs in der Saarfrage bestimmt, ist für den Deutschen, der die Einbeziehung fremder Volksteile in den eigenen Staat doch nur als unerwünscht empfindet, fast immer schwer verständlich. Auch die Masse des französischen Volkes mag in diesem Punkt ähnlich denken, trotz der geschickt angesetzten Propaganda interessierter Stellen, die ein „historisches Recht“ Frankreichs auf das Saarland konstatieren wollten, oder, als das Märchen von den 150 000 „Saarfranzosen“ nicht mehr glaubhaft erschien, den Begriff der „saarländischen Nation“ (etwa nach dem Vorbild der „luxemburgischen Nation“!) forcierten und außerdem von der blutsmäßigen oder der ökonomischen Verbundenheit zwischen dem Saarland und Frankreich zu sprechen begannen.
Die Frage, wo die Drahtzieher dieser Agitation eigentlich zu suchen sind, ist schwer zu beantworten. Gewiß spielen strategisch-milirärische Überlegungen eine gewisse Rolle, genau so wie bei dem französischen Verlangen nach der „Rheingrenze“. Rein militärisch gesehen, ist für Frankreich der Besitz des Saarlandes deshalb verlockend, weil sich von hier aus die Wege durch das Nahetal nach dem Rheingau und durch die Kaiserslauterner Senke nach der Pfalz eröffnen. Dort liegt die Basis für jeden Vorstoß ins Herz Deutschlands, mit dem nächsten Ziel, die Mainlinie - wenn nicht politisch, so doch wenigstens strategisch - aufzureißen. Zum mindesten aber ist für das militärische Frankreich der Besitz des linken Saarufers im Bezirk von Saarlouis erstrebenswert. Dort liegen die steilen Höhen von Berus, die einen Einblick in das gesamte Saarbecken ermöglichen, und die gleichzeitig das nordlothringische Hügelland an der Mosel (nördlich Metz) um 50 bis 100 Meter überragen, so daß die Betonbefestigungen, die dort seit Kriegsende gebaut worden sind, eingesehen werden können. Freilich ist die Chance für Frankreich, im Gebiet von Saarlouis eine so starke Minderheit für den Status quo zu erhalten, daß die Abtrennung des linken Saarufers von Deutschland und seine Unterstellung unter die Völkerbunds-Souveränität in Frage käme, mehr als gering; an eine Mehrheit für den Status quo oder gar für den Anschluß an Frankreich ist hier ebensowenig wie anderswo im Lande - womöglich noch weniger, wie auch separatistische Äußerungen bekümmert zugeben müssen! - zu denken.
Mit und neben den strategischen Erwägungen mag für das Expansionsbestreben Frankreichs im Osten vor allem die politische Tradition maßgebend sein, das Festhalten an der „klassischen“ Politik Richelieus - und das kaum je klar zu Bewußtsein gebrachte Gefühl, daß der in seinem natürlichen Wachstum gehemmte Volksorganismus in einem fast krankhaften Streben nach der Einbeziehung anderer Volksteile verlangt. Nicht ganz so eindeutig ist die Ableitung der französischen Expansionswünschen aus den - wieder mit der militärischen Rüstung des Landes eng verbundenen - schwerindustriellen Interessen, die vielfach als der Hauptantrieb für Frankreichs Saar-Politik angesehen werden. Die französische Großeisenindustrie hat aber gezeigt, daß ihr an einer dauernden Festsetzung in den Hüttenwerken der Saar gar nicht so viel gelegen ist; die auf eine „pénétration pacifique“ gerichteten Bestrebungen sind, nachdem man erst einmal gründlich den Rahm abgeschöpft hatte, sehr bald wieder abgebaut worden. Etwas anders, aber durchaus auch nicht eindeutig, liegen die Dinge auf dem Gebiet der Kohle.
Im Vertrag von Versailles war Deutschland die Verpflichtung auferlegt worden, die saarländischen Kohlengruben in gutem Zustand und frei von allen Lasten und Verpflichtungen dem französischen Staat als Eigentum zu übergeben. Diese zusätzliche Reparationsverpflichtung wurde damit motiviert, daß während des Krieges das nordfranzösische Kohlenrevier von Lens völlig verwüstet worden sei. In diesem Gebiet ist aber bereits sechs Jahre nach Kriegsende dieselbe Kohlenmenge gefördert worden wie 1913! Damit wäre also schon damals die französische Reparationsforderung erledigt gewesen, um so mehr, als inzwischen rund 100 Millionen Tonnen Kohle mehr aus den Saargruben herausgeholt worden waren, als das Revier von Lens in der gleichen Zeit, unter Zugrundelegung der Ziffern von 1913, hatte fördern können. Naturlich hat Frankreich nun nicht an eine Revision dieses Teilgebiets der Reparationen gedacht. Der französische Staat hat vielmehr die Gruben weiter in der Hand behalten, schon deshalb, um die damit verbundene wirtschaftliche Machtstellung in der Zeit bis zur Abstimmung ausnutzen zu können. Deshalb wurde auch der anfangs erwogene Plan aufgegeben, die Gruben an private Firmen zur Ausbeutung zu verpachten. Immerhin ist die französische Grubenverwaltung nicht mit letzter Konsequenz auf das Ziel, den Besitz der Gruben politisch zu nutzen, losmarschiert. Sie hat zwar eine sehr rege propagandistische Tätigkeit im profranzösischen Sinne entfaltet. (Die Einrichtung von französischen Schulen für Bergarbeiterkinder und für Bergarbeiter - Schulbesuch wird zum vollen Schichtlohn bezahlt - und die Ausübung eines starken moralischen und wirtschaftlichen Drucks auf die Bergarbeiter, ihre Kinder zur „Dominialschule“ zu schicken, sind ja hinlänglich bekannt.) Andererseits aber hat die Grubenverwaltung durch ihre rücksichtslose Ausbeutungspolitik, die selbst die notwendigsten Schutzmaßnahmen unter Tage vernachlässigte (und so unter anderem große Bergschäden an Häusern veranlaßte!), deutlich gezeigt, daß sie den Besitz der Gruben nicht als für die Dauer gesichert ansah, sondern mit dem Rückkauf der Bergwerke durch Deutschland für 1935 rechnete, entsprechend den Bestimmungen des Versailler Vertrages, die das Reich im „Fall drei“ (Abstimmungsergebnis zugunsten Deutschlands) zur Bezahlung des vollen Wertes der Gruben verpflichteten. Die Ausbeutungspolitik der Grubenverwaltung hat auch dazu geführt, daß die Belegschaftsziffer während der letzten Jahre von 75 000 auf 45 000 heruntergedrückt worden ist. Schuld daran trug vor allem, daß nur etwa 45 Prozent der Gesamtförderung nach Frankreich abgesetzt werden konnten, anstatt, wie ursprünglich erwartet, ein weit höherer Prozentsatz. Auch der alte süddeutsche Markt ist der Saarkohle weitgehend verlorengegangen, und zwar nicht infolge politischer Absperrungsmaßnahmen, sondern in erster Linie deshalb, weil die französische Zechenverwaltung teure und schlecht fortierte („gewaschene“) Kohlen lieferte. Trotz der qualitativ und quantitativ verhältnismäßig wenig ins Gewicht fallenden Konkurrenz der Saarkohle hat sich die französische Schwerindustrie, namentlich im Revier von Lens, in den letzten Krisenjahren immer energischer gegen diesen „Eindringling“ auf den heimischen Märkten gewehrt. So mag die französische Grubenverwaltung, die zudem seit 1931 an der Saar mit einem schweren Defizit arbeitet, den bevorstehenden Rückkauf der Zechen durch Deutschland nicht gerade als ein Unglück empfinden...
Die Kohle im Warndt - Rückgliederungsfragen
Auch die Behandlung der sogenannten Warndt-Zechen zeigt, daß sich die französische Verwaltung von vornherein auf eine nur vorübergehende Anwesenheit an der Saar eingerichtet hat. Der Warndt, die südwestlich von Saarbrücken am linken Saarufer gelegene Landschaft, die bastionsartig ins lothringische Gebiet hinein vorspringt, enthält besonders wertvolle und bisher noch wenig erschlossene Kohlenlager (Fettkohle in sehr starken und für den Abbau günstig gelagerten Flözen). Die deutsche Bergwerksverwaltung hatte in der Vorkriegszeit die Warndt-Kohle als Reserve des Reviers behandelt und vornehmlich die bordöstlichen von Saarbrücken gelegenen Flöze ausgebeutet, die sich hier, zum Teil in geringer Tiefe (an einigen Stellen tritt die Kohle sogar an der Erdoberfläche zutage), mit einer abbauwürdigen Breite von etwa 15 Kilometern, 40 Kilometer weit (von Saarbrücken gerechnet) nach Nordosten hin erstrecken bis in das Gebiet jenseits Neunkirchen; der Südflügel des Kohlenbeckens gehört hier bereits zur Saarpfalz.
Die französische Verwaltung hat die Warndt-Reserve sofort rücksichtslos angegriffen, und zwar nicht nur von den vorhandenen Schächten aus, sondern von zwei neuen Zechen, die nur wenige Meter jenseits der Grenze des Saargebietes im Lothringischen niedergebracht worden sind. Mehr als irgendeine andere Maßnahme der Grubenverwaltung hat dieser „Kohlendiebstahl im Warndt“, der von französischer Seite zynisch als eine „Art Grenzberichtigung“ bezeichnet worden ist, zur Verbitterung der deutschen Bergleute an der Saar beigetragen, die, teils arbeitslos, teils mit Feierschichten arbeitend, in ohnmächtigem Zorn zusehen konnten, wie ihnen die Kohle unter den Füßen forgeholt wurde, und wie drüben im Lothringischen landfremde Arbeiter, aus allen Winkeln Frankreichs und der Welt zusammengetrieben, in vollbezahlter Arbeit schaffen konnten.
In den Verhandlungen, die der Saar-Ausschuß des Völkerbundsrates (unter dem Vorsitz des italienischen Barons Aloisi) kürzlich bei Heranziehung deutscher und französischer Vertreter in Rom abgehalten hat, ist auch das Warndt-Problem bereinigt worden.
Wie alle übrigen politischen und wirtschaftlichen Fragen, die in Rom behandelt worden sind, nur unter dem Gesichtspunkt gesehen wurden, daß praktisch allein der „Fall drei“ des Saar-Statuts (Rückfall des Saargebiets an Deutschland) in Frage komme, so ist auch für den Warndt eine Regelung getroffen worden, die lediglich die Rückgliederung behandelt. Die gesamten Gruben des Saarlands werden von Deutschland zurückgekauft, und zwar zum Preise von 150 Millionen (Reichs-)Mark. In diesem Preis sind aber außer den Gruben und dazugehörigen Liegenschaften, deren Wert von französischer Seite nach dem Kriege mehrfach mit 300 Millionen „Goldmark“ beziffert wurde, auch die drei westlich der Saar bis zur lothringischen Grenze laufenden Stichbahnen eingeschlossen (Länge 40 Kilometer, Anlagewert 20 Millionen Reichsmark, gegenwärtiger Wert etwas höher) sowie die von Frankreich an der deutschen Grenze errichteten Zollbahnhöfe. Die auf lothringischem Gebiet liegenden Warndt-Zechen werden noch fünf Jahre lang betrieben werden, mit einer Förderung von jährlich 2,2 Millionen Tonnen aus den deutschen Flözen. Diese insgesamt 11 Millionen Tonnen, deren Wert kaum genau zu schätzen ist - vom Verkaufswert müßten ja die Löhne und Betriebskosten der Zechen und eine relativ hohe Abschreibungsquote für die Anlagen abgesetzt werden -, bilden also eine zusätzliche Kaufsumme für die Saargruben über die 150 Millionen Reichsmark hinaus. Gewiß ist die hier getroffene Regelung nicht ideal; sie mußte aber in Kauf genommen werden, weil nur so eine Sicherheit dafür zu gewinnen war, daß die 2000 „Lothringengänger“ - Saarländer, die in den Gruben und Hütten von Forbach, Merlenbach usw. jenseits der Grenze Beschäftigung finden - während der fünfjährigen Übergangszeit ihre Arbeitsstätte nicht verlieren. Die Möglichkeiten, einen angemessenen Teil der Kohlenproduktion der eigentlichen Saarzechen auch weiterhin in Lothringen und im übrigen Frankreich absetzen zu können, werden durch diese Extralieferung von 2,2 Millionen Tonnen Kohle jährlich zwar eingeschränkt, aber nicht völlig aufgehoben. Frankreich hat von der Gesamtförderung, die im Durchschnitt der letzten Jahre bei 10 Millionen Tonnen lag (gegen 12, 7 Millionen 1913) rund 4,5 Millionen Tonnen - zuletzt weniger - aufgenommen.
Es ist zwar gelegentlich damit gedroht worden, daß Frankreich, falls sich das Saarland für Deutschland erklären werde, einen „eisernen Vorhang“ an der Grenze niederlassen, das heißt also jede Einfuhr aus der Saar absperren werde. Mit den Abmachungen von Rom ist diese Drohung stillschweigend liquidiert worden. Sie war wohl auch nur agitatorisch gedacht, für die Zeit des Abstimmungskampfes bestimmt und niemals sehr ernst gemeint. Denn nur allein die lothringische Wirtschaft hat ein großes Interesse daran, das Saargebiet weiterbeliefern zu können: mit Eisenerz (Minette) und mit Lebensmitteln; sie könnte den Verlust eines so starken Kunden kaum überstehen.
Für denjenigen Teil der - nach der Reichseingliederung jedenfalls wieder stark steigenden - Kohlenförderung der Saarzechen, der nicht nach Frankreich verkauft werden kann (wo übrigens viele Kokereien und Hüttenanlagen im lothringischen Becken ganz auf „Saarqualität“ eingestellt sind), wird zunächst die saarländische Wirtschaft selbst, mit ihrem nun wieder steigenden Bedarf, als Abnehmer einspringen. Ihr Verbrauch betrug in den letzten Jahren rund vier Millionen Tonnen, also fast soviel wie der Verkauf nach Frankreich, der damit doch nur drei Prozent des gesamtdeutschen Kohlenbedarfs ausmacht. Ein Teil des verstärkten Absatzes von Saarkohle in das Reich wird in der Form der Ausfuhr von elektrischer Energie stattfinden; ferner ist der Bau von Ferngasleitungen ins pfälzische Städtegebiet geplant. So kann die Abfallkohle (400 000 Tonnen) und der Überschuß an Koksgas verwendet werden. Darüber hinaus soll die Saarkohle in Süddeutschland durch den Bau eines Schiffahrtsweges von der Saar durch die Pfalz zum Rhein (Einmündung bei Ludwigshafen - Mannheim) bei billiger Frachtgestaltung „marktfähig“, das heißt wettbewerbsfähig gemacht werden. Maßnahmen dieser Art, im Verein mit dem Bau von Autostraßen und mit umfangreichen Erneuerungsarbeiten an den Bahnstrecken und Bahnhöfen des Saargebiets, mit Wohnungsbauten und Bodenmeliorationen [Bodenverbesserungsarbeiten] aller Art, werden auch die allmähliche Unterbringung der fast 40 000 Erwerbslosen ermöglichen, die das Saargebiet heute noch zählt - bei insgesamt 305 000 Erwerbsfähigen (unter 830 000 Einwohnern). Diese Ziffer zeigt auch, daß das Saarland nicht die „Konjunkturinsel“ ist, als die es in der französischen Propaganda sonst geschildert wurde. Im Gegenteil, die Arbeitslosigkeit ist hier fast um ein Drittel höher als im Reichsdurchschnitt (mit 20 Erwerbslosen unter 100 Arbeitnehmern gegen 15 im Reich), und das, obwohl rund 15 000 junge Saarländer im Reichsgebiet als Arbeitsfreiwillige tätig sind. Im Saarland ist ja, wie bekannt, der Arbeitsdienst von der Regierungskommission verboten worden!
Eine Chance für den Status quo?
Die französischen Tendenzen, die eine Festsetzung an der Saar oder zum mindesten eine Einmischung in die saardeutschen Dinge zum Ziel haben, hatten nun im Laufe des Jahres 1933 noch einmal einen neuen Auftrieb erhalten, und daher datiert auch die große Erbitterung, mit der jetzt die Schlußphase des Saarkampfes durchgefochten worden ist - während an sich, ohne das Interessement Frankreichs, die Rückgliederung völlig ruhig und selbstverständlich verlaufen wäre. Man sah aber nun jenseits der Grenze mit einiger Bestürzung das Erstarken der nationalen Kräfte in Deutschland, nach dem Erfolg der nationalen Revolution, und man sah auch die Chance oder man glaubte wenigstens zu sehen, dem unerwünschten neuen Regime in Deutschland durch das Aufpeitschen aller oppositionellen Kräfte im Saargebiet eine empfindliche Schlappe beizubringen. Wenn mit Hilfe der Kreise, die in einer innerpolitischen Opposition gegen die nationalsozialistische Regierung standen, eine nennenswerte Minderheit oder gar eine Majorität für den Status quo zu gewinnen sei - so lautete die Rechnung -, würde man dabei zwei Fliegen mit einem Schlag treffen: nämlich der Hitlerregierung einen schweren Prestigeverlust zufügen und das Saarland, wenn vielleicht auch nur zum Teil, als Völkerbundsgebiet für die Dauer unter französischen Einfluß bringen.
Nun setzte, unterstützt durch französische Gelder, die zumeist durch Funktionäre der Grubenverwaltung in die entsprechenden Kanäle geleitet wurden, ein wahres Trommelfeuer der Agitation gegen die deutsche Regierung und für den Status quo ein. Die „Emigrantenpresse“ im Saargebiet schoß üppig ins Kraut - wobei allerdings gleich bemerkt werden darf, daß die Zahl der Leser nicht entsprechend der Zahl der Blätter gewachsen ist, und daß die Quantität des Gebotenen, von der Qualität ganz zu schweigen, weit geringer ist, als es bei einer ersten Inaugenscheinnahme zu vermuten wäre: deshalb nämlich, weil fast jeder Hetzartikel nach seinem ersten Erscheinen von drei, vier oder mehr dieser Blätter nachgedruckt wird.
Die Agenten der französischen Grubenverwaltung haben alle Mühe und viel Geld daran gewandt, eine katholische Separatistenpartei auf die Beine zu stellen. Da die Saarbevölkerung zu gut zwei Dritteln (72 Prozent) katholisch ist, versprach man sich von einer Agitation, die sich auf die Auswertung des konfessionellen Moments stützte, einen besonderen Erfolg. Die klare und entschiedene Haltung der Geistlichkeit, die, unterstützt durch die Bischöfe von Trier und Speyer, und unter Billigung des Heiligen Stuhls, für die selbstverständliche Lösung, also für den Anschluß an Deutschland, eingetreten ist, hat alle Erwartungen dieser Art schnell zerstört. Mit recht großer Verspätung ist in den letzten Novembertagen, also erst sechs Wochen vor dem Abstimmungstermin, eine „christliche“ Status-quo-Partei formiert worden, in enger Anlehnung an das Oppositionsblatt „Neue Saarpost“. Die maßgebenden Vertreter der beiden großen Konfessionen im Lande haben sofort erklärt, daß sie diese Gründung wie überhaupt jede politische Auswertung kirchlicher Fragen ganz entschieden ablehnen.
Die Haltung der Kirchen in der Status-quo-Frage ist also klar, und nicht minder ist es die Haltung der katholischen wie der evangelischen Volksschichten. Man kann sogar sagen, daß gerade die gläubigen Bekenner des Christentums in einem besonders hohen Maße davor gefeit sind, der Agitation für den Status quo Gehör zu schenken: deshalb nämlich, weil diese Agitation immer mehr ins „antifaschistische“ Fahrwasser abgleitet und von radikalen Kommunisten monopolisiert wird. Über diese Entwicklung kann auch das Faktum nicht hinwegtäuschen, daß ein katholischer Priester, ein Angehöriger der China-Mission, der zwar seiner Herkunft nach Saarländer ist, aber jetzt einer ausländischen Ordensgemeinschaft angehört, Seite an Seite mit den antifaschistischen Agitatoren auftritt, um den Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland zu predigen. Es handelt sich eben bei diesem Pater Doerr um einen Einzelfall, der keineswegs der Kirche zur Last gelegt werden darf, und der ebensowenig verallgemeinert werden kann.
Im übrigen ist zu sagen, daß nur ein Teil der marxistischen Parteiorganisationen und nur ein kleiner Teil der Wählerschaft der drei in Frage kommenden Parteien (Kommunisten, kommunistische Opposition, Sozialdemokraten) für die Status-quo-Propaganda in Frage kommt. Wesentliche Teile des Parteiapparats, bei den Kommunisten so gut wie bei den Sozialdemokraten, haben sich gegen Ende des Jahres 1933, als die Wendung von der Parole „für Deutschland“ zur Status-quo-Bewegung vollzogen wurde, von der marxistischen Front getrennt, um später zur „Deutschen Front“ zu stoßen, in der sich die NSDAP und die bürgerlichen Parteien des Saarlandes unter den auch im Reich wohlbekannten Führern - dem Landesleiter Pirro, seinem Stellvertreter Nietmann, dem Führer der Gewerkschaftsfront, Peter Kiefer, dem Industriellen Hermann Röchling, und anderen mehr - zusammengefunden haben.
So kann aus den Ziffern der letzten Landesratswahlen von 1932, wo unter insgesamt 362 000 Stimmen 84 000 kommunistische und 36 000 sozialdemokratische Stimmen gezählt wurden, gewiß kein Rückschluß auf die voraussichtliche Zahl der Status-quo-Stimmen am 13. Januar gezogen werden - ganz abgesehen davon, daß es damals 477 000 Abstimmungsberechtigte gab, während es jetzt 533 000 sind, darunter etwa 45 000 Saarländer, die aus Deutschland, und 5000, die aus Frankreich in ihre alte Heimat zurückkehren. (Abstimmungsbrechtigt ist, wer am Tage der Unterzeichnung des Friedensvertrags im Saargebiet wohnhaft war und am Abstimmungstage mindestens 20 Jahre alt ist.) Eher ließe sich aus der Besucherziffer der Agitationsversammlungen für den Status quo und aus den Auflageziffern der Separatistenpresse ein Anhalt für das voraussichtliche Abstimmungsergebnis gewinnen: unter Berücksichtigung dessen, daß dabei viele Menschen mitgezählt werden, die gewiß nicht mit dem Separatismus sympathisieren, wird in verschiedenen Schätzungen von 20 000 bis 30 000 wirklichen „Statusquolern“, zumeist radikalen Antifaschisten, gesprochen. Auch Max Braun, im Volksmunde „Matz“ Braun genannt, der sozialdemokratischer Agitator für den Status quo - selber kein Saarländer, sondern vom Niederrhein stammend - hat in einem Interview mit einer französischen Journalistin, die seine ostentativ [geflissentlich, herausfordernd] zur Schau getragenen Hoffnungen auf einen „Sieg“ der Status-quo-Partei recht skeptisch beurteilte, zugeben müssen, daß „im schlimmsten Falle“, also bei einem Votum für Deutschland, die Zahl der „Unversöhnlichen“ etwa 20 000 bis 25 000 betragen werde. Darunter befinden sich freilich auch nicht wenige politische Emigranten, die auf dem Wege von Deutschland ins Ausland erst einmal an der Saar haltgemacht haben.
„Wir sind ja Deutsche!“
Wie wenig polulär die Status-quo-Propaganda im Lande ist, das zeigt deutlich eine kleine Anekdote, die im Saargebiet mit viel Behagen von Mund zu Mund weitergeht. Sie lautet folgendermaßen: Eine alte Bergarbeiterfrau, die bei der Feier der Rheinland-Befreiung in Koblenz zugegen war und die im letzten Sommer die Saarland-Treuekundgebung auf dem Ehrenbreitstein miterlebt hat, sagt kopfschüttelnd: „Jetzt han ich de Hindenburg jeseh'n, un han de Hitler jeseh'n, - aber de Statusquo, den han ich noch nit emol jeseh'n.“ Diese kleine Geschichte, so naiv sie sich gibt, hat doch ihren guten Sinn: sie zeigt deutlich, wie sich Deutschland in der Gestalt seiner führenden Männer klar symbolisiert, während das Völkerbunds-Regime der Regierungskommission - ein Engländer, ein Franzose, ein Saarländer, ein Südslawe und ein Finnländer verwalten jetzt die „Ministerien“ dieses winzigen Staates, der, nicht größer als der Freistaat Danzig, in einer knappen Stunde mit dem Auto oder mit dem D-Zug zu durchqueren ist - niemals die geringste Aussicht hat, populär zu werden.
Wenn es sich beim Saargebiet wirklich so, wie es die Urheber des Versailler Vertrages vorgetäuscht haben, um ein Land mit gemischter Nationalität handelte, dann würde man eine Haltung der Regierungskommission unbedingt billigen müssen, bei der jedem der „drei Fälle“ des Saarstatuts - Anschluß nach Osten, Anschluß nach Westen, internationales Regime - die gleiche Chance zugebilligt wird. So aber, wie die Dinge jetzt liegen, beim Fehlen jedes Nationalitätengegensatzes, läßt sich die Regierungskommission bei einem starr-doktrinären Festhalten an der nur theoretisch gegebenen Gleichberechtigung der „drei Lösungen“ von einer innerpolitischen Gegnerschaft gegen das heutige Deutschland, wie sie für die Status-quo-Partei maßgebend ist, mißbrauchen. Sie hat darüber hinaus ihre Neutralitätspflicht dadurch verletzt, daß sie politische Emigranten, die aus Deutschland kamen und deren Asylrecht im Saarland vielleicht doch bereits problematisch war, in politisch wichtigen Funktionen innerhalb der Verwaltung und Polizei eingestellt hat.
Damit erst, mit derartigen Maßnahmen und mit der Duldung einer unerhörte Formen annehmenden radikalistischen Propaganda ist die letzte Verschärfung des Abstimmungskampfes an der Saar entstanden, die nun auch dazu geführt hat, daß die Saarregierung, in einer gewiß überflüssigen Sorge vor terroristischen Ausbrüchen der Deutsch fühlenden Saarländer, vorsorglich eine internationale Polizeitruppe für die Zeit der Abstimmung aufgeboten hat. Auch diese Maßnahme, die zunächst von Deutschland nicht gerade sympathisch aufgenommen wurde, wird zum Guten ausschlagen: weil nämlich die Anwesenheit von einigen tausend Ausländern (Abstimmungskommissare, Wahlleiter, Polizei) jegliche Verdächtigungen, daß es bei dem Votum vom 13. Januar doch nicht hundertprozentig korrekt zugegangen sei, unmöglich machen wird - und solche Verdächtigungen wären andernfalls gewiß von Frankreich ausgegangen. Auch werden die ausländischen Gäste nach ihrer Rückkehr von der Saar zu Hause manches zur Auflärung über dieses deutsche Land und über das sonstige Deutschland beitragen können.
Schon jetzt, bei der Vorbereitung der Volksbefragung, hat die aus „neutralen“ Ausländern zusammengesetzte Abstimmungskommission gezeigt, daß sie ihre Neutralitätspflichten mit größter Strenge erfüllen will. Das wurde unter anderem bei der Behandlung der Einsprüche gegen die Abstimmungslisten deutlich. Da für viele Saarländer der Nachweis, daß sie am Tage der Unterzeichnung des Versailler Vertrags im Saargebiet ansässig waren und somit abstimmungsberechtigt sind, nach 15 Jahren oftmals nicht leicht ist, hatten die separatistischen Kreise durch die Massenfabrikation von Einsprüchen - 107 000 bei 533 000 Stimmberechtigten - ein großes Störungsmanöver eingeleitet. Die Abstimmungskommission hat aber über 50 000 dieser fingierten Einsprüche sofort abgewiesen und die übrigen Fälle in intensivster Arbeit so schnell geklärt, daß die Absicht der Separatisten, auf diesem Wege den Abstimmungstermin immer weiter hinauszuschieben, nicht durchzuführen war. Auch die anderen Hoffnungen der Separatisten, daß Aloisi oder der Völkerbundsrat eine „Definition“ des Begriffs Status quo geben werde, wonach unter diesem „endgültigen“ Völkerbundsregime doch noch eine zweite oder dritte Abstimmung möglich sein würde, ist ins Wasser gefallen. Man wollte nach einer solchen „Lösung“, die freilich die Saar - nach dem Worte des Saarbevollmächtigten des Reichskanzlers, des pfälzischen Gauleiters Bürckel - zu einem „politischen perpetuum mobile“ gemacht hätte, diejenigen Leute ködern, die noch irgendwelche Bedenken haben, sich einem nationalsozialistischen Deutschland anzuschließen, aber weit größere Bedenken, sich und ihre Heimat für die Dauer von Deutschland zu trennen. „Schlagt Hitler an der Saar!“ so lautet die Theorie der Status-quo-Propagandisten. „Ihr beschleunigt damit das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft im Reich, die einen solchen Prestigeverlust nicht verwinden kann - und dann steht euch die Rückkehr ins ‚befreite‘ Deutschland offen!“
Auch diese Propaganda hat nicht gezündet. Die Saarländer wären im Jahre 1923 bereit gewesen, in das Deutschland der Inflationswirren zurückzukehren, oder später, wenn es dazu gekommen wäre, in ein kommunistisches Deutschland, - sie lassen sich auch durch noch so schlimme Greuelmärchen über das nationalsozialistische Deutschland (von dem sie ja auch wissen,w ie es in Wahrheit aussieht, denn die Grenzen sind ja nicht hermetisch verschlossen!) nicht von der Parole „Heim zum Reich“ abbringen. Mit tiefer Enttäuschung stellt der „rasende Reporter“ der Status-quo-Propaganda, Theodor Balk, in seiner Hetzschrift „Hier spricht die Saar“ diese Haltung der Saarländer fest, wenn er sagt, daß jedes agitatorische Gespräch über die „schlimmen“ politischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder sozialen Folgen des 13. Januar mit dem Satz abgeschnitten werde: „Wir sind ja Deutsche.“ „Dieser Satz, mit seiner inneren Selbstverständlichkeit“, so sagt er weiter, „sie die Königin im Schachspiel der Argumentationen -, denn dieser Satz kann jeden Einwand matt setzen.“ Ein solches Eingeständnis, von oppositioneller Seite, ist wertvoll genug.
Der Marsch nach Hause.
Seitdem Frankreich vor einigen Monaten letztmalig darauf verzichtet hat, mit der Drohung eines Einmarsches ins Saargebiet zu manövrieren und die Saarfrage zum Anlaß einer konfliktmäßigen Auseinandersetzung mit dem Reich zu machen, nehmen die Dinge rasch ihren natürlichen Lauf. Der Abzug der französischen Wirtschaftsinteressen und -interessenten hat auf der ganzen Front eingesetzt, und auch der Abmarsch der Emigranten und der mit ihnen sympathisierenden Elemente hat bereits begonnen. Das zeigt schon ein flüchtiger Blick in die Oppositionspresse, in der sich jetzt die charakteristischen Inserate - „Wohnung in Forbach gesucht“ - „Liechtenstein bietet...“ - „Ruhesitz in der Normandie...“ - häufen. Bemerkenswert ist auch, daß sich, wie gewisse Tauschinserate zeigen, nicht wenige Elsaß-Lothringer, die Möglichkeit zunutze machen wollen, durch Erwerb von Grundstücken oder Geschäften im Saargebiet - unfern der alten Heimat, aber nun jenseits der französischen Grenze und frei von der Militärpflicht - zu Saarländern und damit bald auch wieder zu Reichsdeutschen zu werden. Unter den im Saargebiet geltenden Bestimmungen, die einen Welchsel der Staatsangehörigkeit sehr erheblich erleichtern - damit sollte, nach den Intentionen Frankreichs, das Saargebiet bereits noch vor dem Abstimmungstermin „freiwillig“ französiert werden -, sind, sehr zur Überraschung der Regierungskommission, bereits 2000 Lothringer zu Bürgern „saarländischer Nationalität“ geworden; dagegen haben nur ganz wenige Saarländer die deutsche Staatsangehörigkeit aufgegeben, um Franzosen zu werden.
Das Desinteressement der französischen Wirtschaft, das in Voraussicht der Rückgliederung des Saargebietes bald nach dem 13. Januar erfolgt ist, hat freilich die unangenehme Folge gehabt, daß der Saarwirtschaft die Kredite, die bisher bei französischen Warenlieferungen gewährt worden sind, entzogen werden; auch Hypothekenkündigungen sind in erheblichem Umfange erfolgt. Andererseits steckt die Saarwirtschaft, was die Bezahlung ihres Exportes nach Deutschland angeht, im deutsch-französischen Clearing-Verfahren, das um so weniger funktioniert, je mehr sich der französische Markt der Saarwirtschaft verschließt, so daß also der „Export“ nach Deutschland zwangsläufig immer stärker wird. Diese Entwicklung - Kauf französicher Waren nur gegen bar, „Einfrieren“ der Verkaufserlöse aus dem Export nach Deutschland im Clearing-Büro - führt zu einer immer schlimmer werdenden Stagnation der Saarwirtschaft. Von der Saar-Handelskammer ist bereits als Lösungsmöglichkeit vorgeschlagen worden, die Saarwirtschaft möglichst sofort ins deutsche Zollgebiet einzubeziehen, damit der Austausch der saarländischen und der deutschen Waren ohne die Zoll- und Währungshemmnisse, wie sie heute bestehen, erfolgen kann. Wahrscheinlich wird man sehr bald nach der Abstimmung zu dieser Lösung kommen. Schon jetzt, im Laufe der letzten Monate, hat sich der deutsch-saarländische Wirtschaftsverkehr außerordentlich stark intensiviert, zum Teil als Folge des deutschen Wirtschaftsaufschwunges. Dabei kommen die Erzeugnisse der praktisch zollfrei über die Grenze, weil nämlich die Zollbeträge gestundet werden (später sollen die so entstandenen Zollschulden niedergeschlagen werden), während die Einfuhr aus Deutschland, abgesehen von gewissen Erleichterungen für zahlenmäßig begrenzte Warenkontingente, den vollen französischen Zoll trägt.
Die weiteren Fragen der wirtschaftlichen Rückgliederung - über das wichtigste Problem, den Kohlenabsatz, und über die damit zusammenhängenden Dinge ist eben schon gesprochen worden - sind durchaus nicht so schwierig, als daß sie bei dem ja doch auf beiden Seiten vorhandenen guten Willen nicht gelöst werden könnten. Die Ablösung des französischen Währungs- und Zollregimes durch das deutsche ist überdies in den Verhandlungen von Rom in seinen organisatorischen Einzelheiten bereits geklärt.
Auch handelspolitische Abmachungen zwischen Deutschland und Frankreich, bei denen es sich auf deutscher Seite um den Absatz von Kohle und Industrieprodukten handelt, auf französischer Seite um die Lieferung von Erz (Minette) und Lebensmitteln, sind bereits eingeleitet. Die Landwirtschaft des Saargebietes, die sich in den Jahren seit dem Kriege nicht ungünstig, aber einseitig (sehr starke Ausdehnung des Kartoffelanbaus) entwickelt hat, wird unter den neuen Verhältnissen, auch dann, wenn ein Teil des bisher aus Elsaß und Lothringen kommenden Zuschußbedarfs an Lebensmitteln vom Reich her geliefert wird, bestimmt nicht schlecht fahren. Eine gewisse Umschichtung in den Lebensmittelpreisen (leichte Verteuerung von Brot, Fett, Hülsenfrüchten, Gemüse, niedrigere Preise für Butter, Kartoffeln und einzelne Fleischsorten) kann weder die saarländische Landwirtschaft erschüttern, noch eine Verteuerung der Lebenshaltung bedingen; die Lohnhöhe (Schicht- und Stundenlöhne) wird also bestehen bleiben können, wobei zu hoffen ist, daß durch Fortfall von Feierschichten und Kurzarbeit und durch Verminderung der Arbeitslosigkeit die Lohnsumme insgesamt steigen wird. (Der Monatsverdienst der Bergarbeiter liegt jetzt zwischen 90 und 120 RM.)
Gewisse Rückgliederungsschwierigkeiten werden sich allerdings für diejenigen Industriezweige ergeben, die während der Abtrennung vom deutschen Zollgebiet zur Versorgung des Saarlandes mit den gewünschten Konsumwaren „deutscher Qualität“ neu aufgebaut oder stark ausgebaut worden sind; aber auch hier werden sich, mit Hilfe der im Reich geschaffenen wirtschaftsständischen Organisation, Mittel und Wege für einen vernünftigen Interessenausgleich finden lassen. Relativ einfach ist, dank des Vorhandenseins der internationalen Eisenverbände, die Absatzfrage bei der Eisenindustrie, die nächst der Kohle mit jetzt 27 000 Mann (in der Zeit der Hochkonjunktur: 36 000) die meisten Arbeiter beschäftigt.
Seit der Abtrennung vom Reich ist die Saarbevölkerung dank des hohen Geburtenüberschusses und infolge der Zuwanderung in den „guten Zeiten“ der schwerindustriellen Konjunktur, von 670 000 auf 830 000 Menschen angewachsen. Die Bevölkerungsdichte beträgt damit, bei einer Fläche von 1912 Quadratkilometern, 443 Einwohner je Quadratkilometer, dreimal soviel wie im Reichsdurchschnitt (139); sie ist also weit höher als in den übrigen deutschen Industriegebieten und in Belgien oder England. Da große Teile des Saarlands - so der ganze Norden - noch einen fast rein landwirtschaftlichen Charakter haben, ist die Zusammenballung der Menschen im eigentlichen Industriegebiet, vor allem im Saartal und im Bereich der Kohlenzechen, tatsächlich noch viel stärker, als diese Zahlen erkennen lassen. Trotzdem, und obwohl hier 59 Prozent der Erwerbstätigen (verglichen mit nur 41 Prozent im Reich) in Bergbau, Industrie und Handwerk tätig sind, gegen 9 Prozent (im Reich: 23 Prozent) land- und forstwirtschaftlich Tätige, ist die Struktur der Siedlung gesund. Ein Drittel der Belegschaft der schwerindustriellen Werke wohnt in eigenen Häusern - von den Verheirateten sogar zwei Drittel. Unter 175 000 Arbeitern gibt es 50 000 „Arbeiterbauern“, die ein Stück Ackerland bewirtschaften und sich eigenes Vieh halten.
Freilich ist diese im Kern so gesunde Entwicklung im Laufe der letzten Jahre, auch unter dem Einfluß der französischen Zechenverwaltung, die Arbeitersiedlungen mit Werkwohnungen ohne Garten- und Ackerland geschaffen hat - hier sind charakteristischerweise die Hochburgen der kommunistischen Status-quo-Propaganda -, besonders stark angenagt worden. Es wird eine der wichtigsten Aufgaben der Rückgliederung sein, die ideale Mischung zwischen industrieller und bäuerlicher Arbeit, die sich an der Saar nicht anders als in Württemberg bei einer ihrer rassenmäßigen Abstammung nach ähnlich zusammengesetzten Bevölkerung ergeben hat, aufrechtzuerhalten - durch Maßnahmen ähnlicher Art, wie sie hier schon vor dem Kriege von der preußischen Bergwerksverwaltung angewandt worden sind (zum Beispiel Gewährung von Landprämien und zinslosen Darlehen). Darüber hinaus wird ein Teil des Bevölkerungsüberschusses mit den neuen Methoden, die der nationalsozialistische Staat herausgebildet hat, wieder in eine enge Verbindung zum Boden gebracht werden müssen; Ansätze dieser Art sind bereits vorhanden.
Heute noch ist die Saar ein „grünes Land“, mit Wäldern rund um die Zechen, mit Gärten rund um die Eisenwerke und Fabriken, und mit gesunden Kindern auf den Straßen der großen Arbeiterdörfer, die fast überall noch ländlichen Charakter tragen. Die weitere Auflockerung dieser Siedlungsstruktur ist, auf lange Sicht gesehen, die größte Aufgabe der Rückgliederung.
Quelle
- Der Schulungsbrief, II. Jahrgang, 1. Folge (Jan. 1935), S. 12-25.
Anmerkungen
Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben, Lateinschrift im Original hier fett. Ergänzungen in eckigen Klammern. Karte nur in der PDF-Fassung enthalten.
