Der Tote auf Madeira
Aus NS-Archiv
Alfred Rosenberg
Der Tote auf Madeira.
- „Völkischer Beobachter“, 1./2. April 1923.
- Von Anbeginn an hat der Nationalsozialismus ein scharfes Auge auf das Treiben der Habsburger Legetimisten in Österreich gehalten. Die unheilvolle Tätigkeit dieser Gruppe, die sogar aus dem letzten Habsburger, Karl, so etwas wie einen Heiligen zu machen versuchte, ist von Alfred Rosenberg immer wieder im Laufe der Kampfjahre gekennzeichnet worden. Auf der gleichen Linie wie der nachfolgende Aufsatz steht der ebenfalls in diesem Buch abgedruckte Artikel: „Habsburgs Gegenwart.“ Es ist aber angesichts der notwendig gewesenen Polemik dabei zu unterstreichen, daß die menschliche Größe etwa Maria Theresias, Josef II. dabei unangetastet bleibt. Gehören doch auch sie wie Prinz Eugen oder Erzherzog Karl zur deutschen Geschichte.
Unter diesem Kinotitel ist soeben ein Werk des Freiherrn von Werkmann, des letzten Sekretärs Karls von Habsburg, erschienen. Das Buch ist in vieler Beziehung höchst lehrreich und dürfte in der Hand aller deutsch Denkenden die beste Waffe gegen das untergegangene Habsburg abgeben.
Freilich ist das Gegenteil davon beabsichtigt worden. Ein gutes Sprichwort sagt: „Der Herr beschütze uns vor unseren Freunden, mit den Feinden werden wir schon selbst fertig.“ So wird einst ein kommender thronlüsterner Habsburger ausrufen, wenn ihm das Werk des „letzten Sekretärs des Kaisers und Königs“ vorgehalten werden wird.
Zu Anfang wird der Ausbruch der Revolution erzählt, über das „harte und ungerechte Schicksal“ geklagt. Die Deutschnationalen werden beschuldigt, die nicht mehr „für Habsburg“ kämpfen wollten, aber auch die feige Politik der Christsozialen wird ins helle Licht des Tages gestellt. Das Klagen findet einen Höhepunkt in der Beurteilung des Anschlußwillens ans Reich, den der Verfasser als „provokatorische Ankündigung“ zu bezeichnen beliebt.
Dann folgt eine Schilderung der Persönlichkeit Kaiser Karls, der seiner „pazifistischen und demokratischen Neigungen“ wegen von der Schweiz gut empfangen worden sei. Verständnisvoll blinzelt der Verfasser zur Schweiz hinüber: „Die Schweiz empfände es sehr unangenehm, wenn sie - nach dem Anschluß Österreichs an Deutschland - an zwei Fronten von Deutschland umfangen wäre.“
Das arme, kaiserverlassene Österreich wird tränenden Auges bejammert, an Italien wird erklärt, Seine Apostolische Majestät sei „von dem Weltkrieg gar nicht erbaut gewesen“, ungenannte Persönlichkeiten werden erwähnt, die Absplitterungsversuche Bayerns vom Reich vorgetragen. Besonders soll es Karl „geschmerzt“ haben, daß viele K. und K. Offiziere sich „in die alldeutsch-anti-habsburgische Bewegung gestürzt“ hätten.
Aus der Schweiz gehen die Fäden auch nach Ungarn. Eine lange Reihe von Briefen Karls an Horthy werden wiedergegeben, der nicht gewillt war, das ungarische Volk dem Schwächling zu überantworten, die „unbesonnene Propaganda“ für einen „nationalen König“ wird scharf getadelt und über Gömbös wird in allen Tönen geschimpft.
Ein besonderes Interesse beansprucht natürlich das Kapitel „Kaiser Karl und die Deutschen“. Gleich zuerst wird erklärt, er sei nie „Feind eines Volkes“ gewesen. Mißerfolge der österreichischen Armeen tragen natürlich Falkenhayn und Seeckt (Karls Generalsstabchef), der deutsche Versuch, der bekannten Schlamperei ein Ende zu machen, wird als Versuch bezeichnet, die „K. und K. Armee in geistiger und moralischer Beziehung zu uniformieren“. Dann setzt der Kampf gegen die deutsche Oberste Heeresleitung ein. „Jener (Karl) sah voraus, daß die vom Obersten Kriegsherrn nicht gebrochene Heeresleitung das Reich nicht rechtzeitig werde zum Frieden kommen lassen, und fürchtete, daß der daraus zu gewärtigende Zusammenbruch den Kaiser als Opfer heischen werde.“
Nach diesem demokratisch-pazifistischen Geplänkel kommen einige grundsätzliche Bekenntnisse, die auch dem Blödesten die Augen darüber öffnen müßten, daß die heutigen Verteidiger des Hauses Habsburg nicht einen Funken deutschen Fühlens besitzen, geschweige denn deutsche Interessen vertreten.
„Sein (des Kaisers) Verhältnis zum Deutschen Reich bestimmte nicht der Ärger über deutsche Unfreundlichkeiten oder über deutsche Unnachgiebigkeit, sondern der reale Interessengegensatz zwischen Österreich-Ungarn und Deutschland.“
„Für die Erhaltung des Vielvölkerstaates griff Kaiser Franz Joseph zum Schwert - für nichts anderes. Der Krieg hatte für uns nie den Sinn eines Feldzuges für deutsche Vormachtsgedanken.“
Gütig wird „verstanden“, daß die Deutschösterreicher eine leitende Rolle im Staate spielen wollten, aber „Pflicht des Kaisers war es, dieser Politik im Interesse der Staatsidee entgegenzutreten“. „Kaiser Karl war nicht dem einen Volk als Vater, dem andern als Stiefvater gegeben.“
So geht es weiter, und nackt liegt vor unseren Augen die volksverräterische Politik des Hauses Habsburg. Im Sinne der sogenannten „Staatsidee“ wurden die Deutschen zurückgedrängt. Magyaren, Tschechen, Polen umgaben als Diplomaten den „deutschen“ Kaiserthron, und der Begriff vom „deutschen Volk“ fand keinen Raum mehr.
Werkmann veröffentlicht Notizen aus Karls Entwürfen über eine „Friedenspolitik“. Darin heißt es: „Die zu enge Verbindung des friedensbedürftigsten Staates mit dem zur Weltmacht gewordenen Sieger im Feldzuge 1870/71 mußte Österreich-Ungarn mit Feindschaften belasten, deren Austragung für uns selbst dann keinen Gewinn bedeuten konnte, wenn wir mit unsern Verbündeten Sieger blieben.“
Man wird zugeben, daß diese niederträchtigen Worte in Diplomatensprache Deutschland geradewegs der Schuld am Krieg bezichtigen, Österreich, namentlich aber die Entente, entschuldigen, da sie alle zusammen von dem „zur Weltmacht gewordenen Sieger“ herausgefordert waren. In Paris wird man sich wieder einmal die Hände reiben, und es ist nur gut, daß der ehrenwortbrüchige Habsburger nicht in deutschem Boden beerdigt ist.
Karl hatte ja bekanntlich schon über seine Unterwerfung in Paris verhandelt, als er Kaiser Wilhelm sein Ehrenwort gab, daß dies nicht der Fall wäre. Dies entschuldigt Werkmann folgendermaßen: „Es war Recht und Pflicht des Kaiser-Königs, alles zu tun, um seinen Völkern den Frieden zu geben. Das hat er nicht unterlassen.“
Äußerst lehrreich ist auch des Verfassers Stellung zum Prinzen Sixtus von Parma. Dieser hat seinen Titel Docteur en droit dank einer Dissertation erhalten, in der er bewies, daß ein Bourbon Immer-Franzose sei. Dieser Immer-Franzose begriff „besser als die meisten Staatsmänner der Entente“ die „Zwangsläufigkeit ihrer (der Doppelmonarchie) äußeren Politik“, d.h. ihrer Annäherung an den Feind des deutschen Volkes. Um nicht mißverstanden zu werden, heißt es weiter: „Prinz Sixtus wünschte den Sieg Frankreichs gegen Deutschland wie irgendeiner seiner Mitbürger.“ Und dann wird 12 Zeilen später die - „Friedensliebe des Prinzen und seine Unvoreingenommenheit gegenüber Österreich-Ungarn“ gelobt und er als „besonders geeigneter Mittler zwischen Wien und Paris“ bezeichnet.
Während die großen Männer, die das deutsche Volk in allen Ländern vor einer Welt von Feinden schützten, nur höhnisch als die „Alldeutschen“ bezeichnet werden, obgleich ihnen überhaupt die „Doppelmonarchie“ ihre Fortdauer verdankt, so wird dieser Frankreichs Sieg verfechtende Sixtus von Parma mit einem Haufen von Schmeichelnamen versehen: offenherzig soll der Bursche gewesen sein, klug, kenntnisreich, zäh, witzig, ein glänzender Gesellschafter. Er hatte das „Pflichtgefühl des Bourbon“, er fühlte „menschlicher und klarer“ als andere usw.
Das dürfte zur Entlarvung der ganzen Seelenrichtung Habsburgs und seiner Gefolgschaft genügen. Der ganze Stil und die Lakaiensprache von „Aggregation“, den „Appartements“, den „Sèjours“ usw. vervollständigen auch stilistisch das ganze Bild eines undeutschen, heute Gott sei Dank zusammengefallenen „Staatsgedankens“.
Das ganze Buch kann nur einen Zweck haben: Vorbereitung in Paris, um durch Versicherung sklavischer Ergebenheit den Nachkömmlingen Karls des Letzten den Weg zum Kaisertum oder Königstum wieder zu ebnen und mit Hilfe aller Nichtdeutschen das alte Monstrum wieder zusammenzuleimen.
In Ungarn wird man hoffentlich nach dieser neuen habsburgischen Leistung endgültig ernüchtert sein: ein unnationaler König muß heute dort undenkbar sein. Die Ungarn täten überhaupt gut, sich um das Prinzip des Königstums heute weiter nicht zu streiten, sondern um die völkische Einheit besorgt zu sein.
Den Deutschösterreichern aber rufen wir zu, das neue Buch der Habsburger jedem zu zeigen und aufzuweisen, welche Verräterpolitik am deutschen Volkstum diese Dynastie getrieben hat und immer treiben muß, wenn sie je wieder ans Ruder kommen sollte. Gegen habsburgische Ränke darf es nur den allerschärfsten Kampf geben, sonst stirbt das ganze deutschösterreichische Volk einmal irgendwo als Sklave - in Madeira.
Mit diesem Buch zusammen aber erhebt sich von neuem das Problem des deutschen Staatsgedankens. Bismarck wußte, was er tat, als er erbittert gegen Habsburg kämpfte. Die süddeutschen Demokraten verstanden es nicht, das heutige Zentrum lügt über Bismarck noch jetzt in unverschämtester Weise.
Heute geht vom deutschen Süden aus die Vermählung mit dem Gedankengerüst des einzigen Friedrich und Bismarcks. Süddeutschland - verkörpert im Nationalsozialismus - will etwas schaffen helfen, was von der Nordsee bis zur Donau hinunterreicht, alle Klassen umfaßt, alle christlichen Konfessionen umschließt, das ist der völkische, in ganz Europa noch nirgends verwirklichte Staatsgedanke.
Der Tote auf Madeira möge tot für immer sein, das deutsche Leben mag beginnen.
Quellen
- Völkischer Beobachter, 1./2. April 1923.
- Blut und Ehre III, S. 211-215.
Anmerkungen
Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.