Der Ruhreinbruch
Aus NS-Archiv
Hans zur Megede
Der Ruhreinbruch.
Über dem Land an der Ruhr lag schwer und dunkel die Winternacht. Kein Stern durchleuchtete die trübe verhangene Finsternis. Matt nur umhüllte das Licht von Straßen und Fabriken, von Zechen und Gruben die Städte des deutschen Industriereviers mit einem diesigen Schein. Friedlich war die Einwohnerschaft zur Ruhe gegangen, als ahnte sie nichts von dem Unheil, das sich vom Rhein her über ihren Köpfen zusammenzog. Es war die Schicksalsnacht vom 10. zum 11. Januar 1923.
Der Augenblick war gekommen, da Raymond Poincaré, Ministerpräsident und eigentlicher Beherrscher Frankreichs, zu jenem großen Schlag ausholte, mit dem er Deutschland den Todesstoß versetzen wollte. Der verlustreiche Ausgang des Weltkrieges, eine die letzten Widerstandskräfte zerstörende Revolte, die Folgen des zu Versailles geschaffenen Sklavenjoches hatten das Herz Europas nun bis ins tiefste zermürbt und schienen Frankreich die Macht - nie aber das Recht! - verliehen zu haben, vom deutschen Reichskörper durch gewaltsame Eingriffe ein Glied nach dem anderen abzutrennen. Der Rhein war gewonnen. Über den Strom hinaus in deutsches Land vorzudringen, wie Richelieu es gefordert in seinem politischen Testament, das sollte jetzt zur Tatsache werden und damit unter den Händen der in unversöhnlichem Deutschenhaß ergrauten Advokatennatur Poincarés ein Werk Gestalt annehmen, welches oft begonnen, aber seit einem Jahrhundert an der deutschen Volkskraft wieder und wieder zuschanden geworden war.
Poincaré, ein kalter Rechner ohne den letzten Schwung des Blutes, setzte, wie einst Napoleon III., alles daran, um dieses Werk einzufügen in den Geist seiner Zeit und dadurch mit dem Erfolg der Dauerhaftigkeit zu krönen. Im Zeichen des verfallenden Liberalismus, der das Geld zum Leitgedanken menschlichen Handelns, zum einzig positiven Wert des Lebens überhaupt gemacht hatte, war es Poincaré darum zu tun, unter der Maske des unbefriedigten Gläubigers die wahren Absichten Frankreichs zu verbergen. Wie jeder halbwegs Gutwillige in der Welt, so wußte selbstverständlich auch er, daß Deutschland die von den Alliierten verlangten Reparationen nie und nimmer bezahlen konnte. Abewr gerade dieses Unvermögen des Reiches, durch die französische Politik - wie wir gesehen haben *) - von langer Hand vorbereitet und als eingestandene Tatsache ersehnt, diente Poincaré zum Vorwand, dem politischen Imperialismus Frankreichs ein wirtschaftliches Mäntelchen umzuhängen und das Ruhrgebiet zum „produktiven Pfand“ für die Reparationen zu erklären. Da sich für jeden rechtlich Denkenden sogar aus dem Versailler Diktat keinerlei Handhabe zu einem unverhohlenen Eindringen der französischen Armee in das Ruhrgebiet ergab, so stellte Poincaré, in Rechtskniffen bewandert wie kaum ein zweiter, diesen Vorstoß als die harmlose Entsendung einer Ingenierkommission unter militärischer Begleitung zur Ausbeutung des Pfandes hin. Ein schlecht gespielter Theatercoup, wie ihn die Geschichte aller Zeiten selten zu verzeichnen hat, ein fadenscheiniges Advokatenstück, das nur noch wenig mit der von Richelieu angeratenen Vorsicht zu tun hatte und auch darum nicht besser wurde, daß der französische Botschafter in Berlin am 10. Januar 1923 dem deutschen Außenminister v. Rosenberg [Frederic von Rosenberg] gegenüber den „friedlichen Charakter“ der französisch-belgischen Ingenieurkommission ausdrücklich betonte. Denn diese „Friedfertigkeit“ war recht merkwürdigen Charakters.
Sie bestand in der Versammlung sieben kriegsstarker Divisionen, von denen sechs französischen und eine belgischen Kontingents waren, im Raume Düsseldorf-Duisburg; eine Streitmacht von insgesamt 45 000 Mann, zu deren Aufstellung man nicht nur auf die Rheinarmee zurückgegriffen hatte, sondern auch auf Truppen und Ergänzungsmannschaften aus dem Innern Frankreichs. Aus Nancy, Chaumont, Chalons, aus Valence und sogar aus Toulouse wurden die Söhne des Landes herbeigeholt, um unter dem Oberbefehl des Generals Degoutte über die Linie Dinslaken-Duisburg-Düsseldorf hinaus zum Überfall auf das waffenlose deutsche Volk hervorzubrechen.
In sechs Heersäulen trat diese Armee zur Umfassung des deutschen Kohlereviers an, und die Nachtluft erzitterte unter dem Lärm des mitgeführten Kriegsgerätes. Patrouillen strichen voraus, gefolgt von Vorhuten, Tankabteilungen [Tanks = Panzer], marschierenden Kolonnen und Artillerie. Scheinwerfer durchzuckten das Dunkel. Die Bevölkerung schlief.
In ihren Schlaf hinein drang dieser furchtbare Spuk. Die Franzosen durchtrabten Dörfer, besetzten Bahnhöfe und Postämter, zerschnitten die Telephonleitungen, rissen die Kabel ab, schrien gellend Befehle in die Nacht hinein und standen plötzlich vor den Häusern. Sie verlangten Quartier, verhafteten Geiseln aus dem Bett heraus und zeigten sich als Herren im Lande, drohend und doch unsicher bei ihrem räuberischem Tun, wie Diebe in der Nacht.
Weiter schob sich der Heerbann vor. In der Frühe des 11. Januar war die Umgebung von Essen erreicht. Noch vor Tagesgrauen richteten die Franzosen von den Ruhrhöhen zwischen Werden und Velbert die Rohre ihrer schweren Geschütze auf die Stadt, um Essen dem Erdboden gleichzumachen, falls Widerstand sich regen sollte. Er regte sich nicht. Es fiel kein Schuß, eine unheimliche Ruhe lag über den müde rauchenden Schloten.
Zögernd klappten die Hufe französischer Pferde durch die grauen Straßen. Im ersten Morgenlicht spähten die Reiter hinauf zu den Fenstern, schußfertig die Karabiner über die Sättel gelegt und bereit, auf jedes Gesicht zu schießen, das sich hinter den Scheiben zeigen sollte. Schmutzig und übernächtigt vom langen Marsch, zog Infanterie ein, hinterdrein Feldküchen und Bagagen [=Versorgungsfahrzeuge], Autos mit hohen Stäben. Es wimmelte plötzlich von blaugrauen Männern zwischen dem langsam sich regenden Verkehr. Sie drängten sich auf dem Bahnhof, vertraten den Arbeitern, die zum Tageswerk kamen, den Weg und bereiteten den eintreffenden Reisenden einen fürchterlichen Empfang.
Kriegsmäßig umzingelten die Franzosen das Riesenarsenal der Kruppwerke und hatten zu Arbeitsbeginn der Morgenschicht den ersten, sicherlich größten Triumph des Ruhrkampfes. Schon um die Mittagszeit sollten es auf den Pariser Boulevards die Zeitungshändler hinausschreien: „Die deutsche Waffenschmiede von Frankreich erobert!“ Und zum Zeichen, daß dieser leichte, wenig rühmliche „Sieg“ bis ins letzte ausgenutzt werden sollte, bezog General Fournier, Kommandeur der 128. französischen Infanterie-Division, Quartier in der „Villa Hügel“, dem Wohnsitz der Familie Krupp.
Unschwer dünkte nun den Eindringlingen die Ausbeutung des „produktiven Pfandes“. Zu diesem Zweck hatten die Truppen bereits am 10. Januar vertrauliche „Vorschriften im Falle der Ruhrbesetzung“ erhalten, durch die auch der einzelne Poilu [=einfacher französischer Soldat] in den Glauben versetzt werden sollte, als handele es sich tatsächlich nicht um Eroberungen, sondern um einen lediglich vorübergehenden Ausgleich für die Reparationen, um die Gewinnung von Kohle mit den dazugehörigen Nebenprodukten. In Wahrheit lagen die Dinge anders. Selbstverständlich waren die Zechen und Gruben an der Ruhr der französischen Industrie eine willkommene Bereicherung, ja sogar ein gierig erstrebtes Ziel; für Poincaré aber und die leitenden Männer des „Block nationale“ bedeuteten die wirtschaftlichen Ausbeutungsmaßnahmen nichts anderes als ein ausgezeichnetes Mittel zur weiteren Schwächung des in seinen Grundfesten erschütterten Reiches.
Eine Absicht, für deren Durchführung Frankreich eine Begünstigung durch den marxistischen Klassenkampf in Deutschland erhoffte. Auf die dadurch hervorgerufene Zerklüftung des deutschen Volkes, insbesondere aber der Ruhrbevölkerung, die zum Teil noch unter den Nachwehen der Kommunistenaufstände von 1920 litt, spekulierte man in den vertraulichen Vorschriften für die Einbruchstruppen, wenn es darin unter anderem hieß: „Im Falle schlechten Willens oder Widerstandes von seiten der Bevölkerung muß man sich möglichst nicht an die Masse machen, sondern an ihre Vorgesetzten oder Führer, Beamte, Bürgermeister, Syndikatsverbände usw. Persönliche schwere Strafen gegen die leitenden Persönlichkeiten werden eine weit größere Wirkung haben als blinde Unterdrückung der Masse.“
In welcher Form die Franzosen die praktische Anwendung dieser Richtlinien vorhatten, zeigte die erste Maßnahme des Generals Degoutte. Mit Datum vom 11. Januar 1923 - die Plakate waren schon lange vorher gedruckt worden - verhängte er über das gesamte von den alliierten Heeren besetzte Gebiet den Belagerungszustand. Dadurch wurden die deutschen Behörden dem französischen Kommando unterstellt und in zehn Artikeln die Bestimmungen des interalliierten Rheinlandausschusses auf das Einbruchsgebiet übertragen. War damit die vollziehende Gewalt in die Hände der fremden Militärbefehlshaber gelangt, so muß doch jetzt schon festgehalten werden, daß das deutsche Industriezentrum durch die Bestimmungen des Belagerungszustandes in den Machtbereich der Rheinlandkommission, das heißt unter die Fuchtel Paul Tirards, gelangte, des beharrlichen französischen Rheinannektionisten und Sicherheitsapostels, der den von Poincaré erhaltenen Auftrag, die Rhein- und Ruhrbevölkerung allmählich für Frankreich zu gewinnen, mit zwar beachtlichen, aber auch veralteten Mitteln auszuführen trachtete. Seiner Initiative entsprang auch die in der Bekanntmachung des Belagerungszustandes verheißene Beibehaltung des Achtstundentages und der übrigen deutschen Sozialgesetze, mittels deren man von Anbeginn zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen Keil zu treiben hoffte. Die wahre „Arbeiterfreundlichkeit“ der Franzosen jedoch erwies sich in dem Verbot aller Zusammenrottungen auf der Straße und der Ankündigung, daß jeder Widerstand gegen französische Befehle von den Kriegsgerichten mit grausamen Strafen geahndet und von der Waffe rücksichtsloser Gebrauch, selbst gegen Wehrlose, gemacht werden sollte.
Das war die „Friedlichkeit“ Poincarés und zugleich das Rezept, nach welchem er - der von billigem Hohn zeugenden Äußerung eines französischen Schriftstellers zufolge - den „an der Ruhr erkrankten Deutschen“ künftig behandeln wolle mit dem Ziel, die endgültige Abtrennung dieses wichtigen Gliedes vom deutschen Volkskörper dereinst vor aller Welt proklamieren zu können. Denn nicht mehr fern dünkte ihm und den politischen Chirurgen an der Seine die Zeit, da man die Operation für abgeschlossen erklären und das sieche, verstümmelte Reich einem schnellen Verfall überlassen konnte. Die notwendige Beschleunigung erhoffte man, wie gesagt, von der Waffenlosigkeit und Uneinigkeit des deutschen Volkes.
Diese Hoffnung trog. Sie trog jedenfalls, soweit sich Frankreich von der durch den Marxismus immer wieder genährten Uneinigkeit im Reich einen bleibenden Gewinn versprach. Sie trog aber vor allem, soweit die überwältigende Mehrheit der Rheinländer und Westfalen in Frage kam. Schon an den ersten Einbruchstagen ergaben sich schlechte Aussichten für die Franzosen in Essen. Überall, wohin die Eindringlinge kamen, stießen sie auf eisiges Schweigen. Wo sie sich zeigten, ruhte die Arbeit, und was sie anfaßten, erstarrte unter ihren Händen. Die Maschinen standen still, und kein Rad bewegte sich mehr.
Die Bahnhöfe, auf denen französische Posten Wache hielten, leerten sich, die Züge blieben stehen, sobald einer der Fremden sie besteigen wollte; das Personal entfernte sich. In den Diensträumen verstimmte das Ticken der Morseapparate, das Läuten der Telephone; auf der Post schlossen sich die Schalter, und in Zechen, Gruben und Fabriken wurde das Feuer aus den Öfen gerissen, wenn der Feind sie betrat. Die Geschäfte waren geschlossen, die Straßenbahn hielt an, und die Schaffner erklärten: „Wir fahren keine Franzosen!“
Bleierne Lähmung breitete sich aus. Essen, die vom ewigen Qualm der Schlote verrußte Stadt, die Hochburg deutschen Fleißes und lärmenden Betriebes, die Stadt der arbeitsamen Hände und regen Geschäftigkeit, war in einer Friedhofsruhe erstarrt, die bald von dem wilden Toben der französischen Soldateska durchbrochen wurde, als stritten Leichenschänder um ihren Grabesraub.
Im ganzen Ruhrgebiet drangen sie in die Rathäuser, in die Diensträume der deutschen Ämter, forderten von den Beamten Gehorsam dem französischen Befehl und tätige Unterstützung bei der Ausplünderung des Kohlenreviers. Sie drohten den Bürgermeistern mit sofortiger Verhaftung als Geiseln im Weigerungsfalle. Ohne auch nur das geringste zu erreichen. Die Beamten ließen sich abführen; Angestellte, Arbeiter, Gewerbetreibende ereilte das gleiche Schicksal; Tag um Tag füllten sich die Gefängnisse mit deutschen Menschen, die keiner anderen Tat schuldig waren, als daß sie ihr Vaterland nicht verraten wollten. Man sperrte sie in feuchte, gruftkalte Keller, riß ihnen die Kleider vom Leibe, trat sie mit Stiefelabsätzen und schlug sie mit Peitschen, bis das Blut in Strömen von ihren nackten Körpern rann. Man ließ sie dursten, reichte dann den Gepeinigten stinkendes Wasser und verweigerte ihnen die Gefäße zur Verrichtung ihrer Notdurft.
Auf der Straße wurde die Bevölkerung von den Fronvögten ähnlich behandelt. Begegneten französische Offiziere, herrisch in ihrer Anmaßung und mit wippendem Reitstock in der Hand, einem Deutschen, dann mußte er grüßend vom Bürgersteig auf den Fahrdamm treten, wollte er es vermeiden, daß ihm sausende Hiebe ins Gesicht klatschten. Von Tag zu Tag häuften sich die Fälle, daß Deutsche, die sich nicht beugen wollten, auf diese Art von der französischen Soldateska gezeichnet wurden.
So wollte man sie zwingen, die „trotzigen Boches“. Aber es nützte nichts. Eine unheimliche Wut bemächtigte sich der Rheinländer und Westfalen. Zähneknirschend, die Fäuste in den Taschen geballt, schritten sie einher und wußten doch, daß die Fremden nur auf eine Gelegenheit warteten, um noch ganz andere Methoden aufzuziehen. Diese Gelegenheit kam, als sich am 15. Januar durch die Königsallee zu Bochum ein Zug von mehr als fünfhundert Menschen bewegte, den Gesang vaterländischer Lieder auf den Lippen.
„Deutschland, Deutschland über alles...“ klang es den Franzosen entgegen, die nichts so sehr haßten wie dieses Lied. Denn in ihm, so glaubten sie und glauben es zum großen Teil auch heute noch, prägt sich der Wille des deutschen Menschen aus, die Herrschaft über alle Völker der Welt zu erringen; während ihm tatsächlich doch kein anderes Motiv zugrunde liegt als die über alles gehende Liebe des wahrhaften Deutschen zu seinem Land. Allein, die Franzosen legten die deutsche Nationalhymne auf ihre Art aus und nahmen sie zum Anlaß, ein Maschinengewehr auf die völlig Ahnungslosen zu richten. Wahl- und planlos schossen sie in die Menge hinein. Ein Toter und zwei Schwerverletzte waren die traurigen Opfer dieses Tages.
So handelten die Sendboten der westlerischen Zivilisation, die man in Frankreich seit 1792 als Exportartikel behandelt und mit dem Stempel der Alleingültigkeit für Europa oder gar die Welt versehen hatte. Zur Zeit des Ruhreinbruchs aber war das nur der Anfang jener sogenannten „Zivilisationsbestrebungen“, der Anfang einer Kette von ungeheuerlichen Drangsalierungen und Quälereien deutscher Volksteile, nicht selten ausgeübt von Negern und Marokkanern, die im Heerbann Frankreichs mitwirkten am Raub des Ruhrgebietes und seines umfangreichen Bodenschatzes.
Die fachmännische Ausbeutung der Bergwerke lag einer zivilen Instanz, der „Mission Interalliée de Contrôle des Usines et des Mines“ (Interalliierte Kommission zur Kontrolle von Zechen und Gruben), kurz „Micum“ genannt. Sie stand unter der Leitung des französischen Generalinspekteurs der Bergwerke, Coste, und des jüdischen Ingenieurs Aron, die gleich nach dem Einbruch in das Haus des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats eingezogen waren, aber die Räume kahl und leer gefunden hatten. Das Syndikat war von Essen am 10. Januar unter Mitnahme sämtlicher Geschäftsbücher nach Hamburg übergesiedelt. Den Franzosen war damit die Situation wesentlich erschwert worden. Sie hatten zunächst gehofft, daß es nach der „Eroberung“ des Syndikats gleichsam nur eines Druckes auf den Knopf bedürfe, um die Kohlenquelle zu erschließen, sahen sich aber jetzt, unkundig des Landes und seiner Verhältnisse, auf den guten Willen der deutschen Bergwerksdirektoren und Belegschaften angewiesen.
So begann man zu verhandeln, stieß dabei jedoch sofort auf neue Schwierigkeiten. Die Reichsregierung hatte infolge des unerhörten Rechtsbruches durch Frankreich und Belgien sämtliche Reparationsleistungen an diese beiden Staaten eingestellt. Auf eine Bezahlung etwaiger Kohlelieferungen an Frankreich und Belgien durch Deutschland konnte der Ruhrbergbau daher nicht rechnen. Merkwürdigerweise zeigten sich darauf einige Vertreter dieser Industrie, wenngleich unter Vorbehalt anderweitiger Entscheidungen in Berlin, bereit, die Kohlenlieferungen gegen Bezahlung seitens der Einbruchmächte vorzunehmen. Erst als der Reichskohlenkommissar auch diese Lieferung telegraphisch untersagte, schieden sich die Geister.
Es war nun Fritz Thyssen, der den Vorsitz einer sechsgliedrigen Kommission übernahm und sich namens des Ruhrbergbaus weigerte, dem soeben erteilten Befehl des Ingenieurs Aron zur Wiederaufnahme der Kohlenabgabe nachzukommen. Auch die Drohungen der Generale, die Bergwerksdirektoren unter ein kriegsgerichtliches Verfahren zu stellen, hatten ebensowenig Erfolg wie die Lockungen, mit denen man die Arbeiterschaft zu ködern versuchte. Es blieb bei der Weigerung, und die Verhaftungen begannen. Im Laufe von drei Tagen wurden nacheinander neun Bergwerksdirektoren und -angestellte festgenommen, darunter Thyssen, Wüstenhöfer, Tengelmann, Kesten und der Leiter der staatlichen Bergwerksdirektion Recklinghausen, Geheimrat Raiffeisen. Zuvor hatte man vom Landesfinanzamt Düsseldorf den Präsidenten Schlutius ins Gefängnis verschleppt, weil sie dem französischen Ortskommandanten die Herausgabe der Kohlensteuerakten verweigert hatten.
Gegen all diese Rechtsbrüche legte der Essener Rechtsanwalt Prof. Dr. Grimm beim Kommandanten des Brückenkopfes Düsseldorf, General Simon, Beschwerde ein. Als Prof. Grimm bei dem General erschien, stand er vor einem im Dienste Frankreichs ergrauten Soldaten, gestrafft und von hohem Wuchs, dem diese Unterredung - wie Prof. Grimm in seinem Buch „Vom Ruhrkrieg zur Rheinlandräumung“**) schreibt - offenbar peinlich war. Zu ändern vermochte der General an der Verhaftung jedoch nichts, denn der Oberbefehlshaber, General Degoutte, hatte auf Veranlassung Poincarés die Überweisung der Industriellen und ihrer Leidensgenossen an das Kriegsgericht in Mainz bereits verfügt. So sollte sich am 24. Januar in [sic] Mainzer Schwurgerichtssaal jener Ausspruch bewahrheiten, mit dem der Dolmetscher des Generals Simon Prof. Grimm empfangen hatte: „Hier handelt es sich nicht um Recht, sondern um die Macht, und die haben wir!“
Das war immerhin eine klare Haltung, die im Grunde von jedem Franzosen an der Ruhr eingenommen wurde. Aber es bleibt typisch für die französische Wesensart, die liberale nämlich, daß in ihr stets die Tendenz obwaltet, jede aus der Macht geborene Handlung mit einer rechtlichen oder moralischen Hülle zu verschleiern. So auch diesmal bei der Kriegsgerichtsverhandlung gegen die Industriellen in Mainz. Die Franzosen suchten krampfhaft nach einer Rechtsnorm, auf die eine Verurteilung der Deutschen begründet werden konnte, und verstiegen sich im letzten Moment zu einer in der Geschichte noch nicht dagewesenen Groteske: sie wärmten ein französisches Gesetz vom 3. Juli 1877 auf, nach welchem bestraft wird, wer Requisitionsleistungen für die Bedürfnisse der französischen Armee verweigert, eine Bestimmung, die selbstverständlich nur innerhalb Frankreichs Geltung haben konnte, nun aber unverdrossen an deutschen Menschen auf deutschem Boden erprobt wurde. Man fühlte sich schon wie zu Hause an der Ruhr.
Die Verhandlung selbst, es war die erste nach dem Ruhreinbruch, erregte unter dem Volk von Mainz eine ungeheure Entrüstung. Der Schwurgerichtssaal war dicht gefüllt, und auf der Straße sammelten sich die Menschen unter einem grau verhangenen Winterhimmel. Ungerufen kamen sie, einzeln und in kleineren Trupps, nicht nur aus der Stadt, sondern auch aus Kreuznach, Wiesbaden, dem Nahetal und von den bewaldeten Höhen dieser reizvollen deutschen Landschaft. Bald sahen sich die französischen Posten einer unübersehbaren Menge schweigender Männer, Frauen und Kinder gegenüber, ohnmächtig trotz ihrer Bajonette.
Was wollte das Volk? Die Spannung wuchs. Auf dem mit Maschinengewehren verbarrikadierten Gerichtskorridor wurde ein Deutscher von französischen Unteroffizieren geschlagen und beschimpft, angesichts der drohenden Menge aber wieder freigelassen. Die Unsicherheit der Franzosen stieg immer mehr. Auch der Mitglieder des Gerichts bemächtigte sich eine beklemmende Nervosität. Der Vorsitzende mußte den deutschen Verteidiger, Prof. Grimm, bitten, seine Autorität für Ruhebewahrung bei der nun folgenden Urteilsverkündung einzusetzen.
Das Kriegsgericht, aus französischen Offizieren bestehend, erschien bald darauf. Die Wachen präsentierten, alle Beisitzer standen still, die weiß behandschuhten Hände am Käppi, und der Vorsitzende begann mit der Urteilsverlesung. Da schwang von draßen ein unverständliches Raunen empor. Allmählich schwoll es an, wurde lauter und lauter. Plötzlich flogen die Fenster auf, und in den Saal hinein schallte, gesungen von Tausenden, in gewaltigem Aufdröhnen das deutsche Trutzlied: „Es braust ein Ruf wie Donnerhall...“
Die Stimme des Vorsitzenden ging unter in diesem orkanartigen Gesang. Man hörte kaum noch, daß die Industriellen zu hohen Geldstrafen verurteilt wurden. Unten stand das Volk von Mainz, geknechtet seit Jahren von der feindlichen Besatzung, und machte seinem Herzen Luft. Es hatte sich, ungeachtet der gallischen Gewehre, erhoben, um bei dieser Gelgenheit den Franzosen zu zeigen, daß in Zukunft nicht sie, sondern Deutsche aus dem unvergänglichen Recht auf den angestammten Boden heraus zu jener Aufgabe berufen sind, die sich damals Frankreich wieder einmal anmaßte: der Wacht am Rhein!
Dem wutschnaubenden General Mordacq, einem engen Vertrauten Paul Tirards, blieb es vorbehalten, dieses Bekenntnis auf seine Art zu quittieren. Nicht nur, daß er die anfänglich in ihre Quartiere geflüchtete Besatzung verstärkte und gegen die waffenlose Menge Panzerwagen einsetzte - er ließ es sich auch nicht nehmen, berittene Spahis [leichte franz. Kavallerie] durch die Stadt zu jagen, die das Mainzer Volk wie Vieh vor sich hertrieben. Er hatte dabei nach einem Programm gearbeitet, das in Frankreich nicht gerade aus dem Vertrauen zur eigenen Kraft Gemeingut geworden und in seinem Buch „La Mentalité Allemande“ wie folgt niedergeschrieben ist: „Als Kabinettschef Clemenceaus hatte ich bereits 1919 gelegentlich der neuen Heeresorganisation den Gedanken verwirklicht, die Eroberung Marokkos mit Hilfe der Deutschen“ (Fremdenlegion, d. Verf.) „zu beenden, den Marokkanern aber die Wacht am Rhein anzuvertrauen!“ Diese Methoden hatten dem General dann schließlich den fragwürdigen Ruhmestitel eines „Siegers von Mainz“ eingebracht.
Wäre es nach Mordacq gegangen, so hätten die Industriellen eine ganz andere Strafe erhalten. Aber Poincaré hatte nach längerem Zögern angeordnet, daß man noch einmal „Milde“ walten lassen und die „Großmut“ Frankreichs zeigen solle, in der ausdrücklichen Erwartung, daß die Bevölkerung an Rhein und Ruhr sich doch noch beuge.
Er täuschte sich. Die Fahrt der freigelassenen Bergwerksdirektoren von Mainz nach Essen wurde zum Triumphzug durch das geknechtete Land. Oft säumten die freie Bahnstrecke lange Ketten begeisterter Menschen, die mit Fahnen und Tüchern den langsam vorübergleitenden Zug begrüßten, ohne Rücksicht auf die Franzosen, deren Verwirrung und Kopflosigkeit über diesen ungeahnten Ausbruch nationaler Leidenschaft sich stündlich steigerte. Unübersehbar drängte sich auf den Bahnhöfen die Menge, in Bingen, tief unter dem Niederwalddenkmal, in Boppard und in Koblenz. Dort war es ein Arbeiter, der seine Volksgenossen beschwor, vom Klassenkampf abzulassen und die Reihen aller Deutschen zu schließen im zähen Ringen gegen die welsche Unterdrückung.
Ein Wunsch, der überall im Lande jubelnden Widerhall fand. Nicht zuletzt in Essen. Die bekannte dänische Schriftstellerin Karin Michaelis sandte der Kopenhagener Zeitung „Politiken“ über den Empfang der „gnädig Bestraften“ einen Bericht, in dem es unter anderem hieß: „Vor dem Bahnhof, auf dem offenen, mächtigen Platz und in allen daran anstoßenden Straßen hatte sich eine Schar von ungefähr 100 000 Männern, Frauen und Kindern versammelt. Von diesen waren kaum zehn wohlgekleidet, kaum fünfzig normal ernährt. Die Bergleute hatten sich mit ihrer Minentracht geschmückt und standen oben auf der Eisenbahnbrücke. Nicht nur alle Fenster, Laternenpfähle, Balkons und Dachfenster waren mit Gesichtern gefüllt, man ritt auf den Dächern, hing aus den Türmen heraus.
„Ein feiner Staubregen ließ den Wartenden den Kohlenstaub ins Gesicht wehen. Die Menge ist nie schön. Die Menge ist nie schön. Die Menge hier ist ausgesucht unschön. Aber in den Augen aller brannte derselbe erhabene Feuergeist. Man hatte so lange gelitten und so viel. Man wollte sich das Glück eines Augenblicks nicht nehmen lassen, das Glück eines einzigen großen Augenblicks. Der Volkswille wußte, daß er diesmal gesiegt hatte, wenn auch der Sieg die Einleitung zu Tod und Verderben sein sollte. Es fing an zu dunkeln, aber ehe die Finsternis kam, rollte der Zug ein. Als der erste der Zurückgekehrten aus dem Zuge stieg, brauste es wie ein Donner zum Himmel, der Donner, der die Erde zittern machte und die Herzen erbeben ließ, der tausendfältige Hurraruf, der aus den rauhen und heiseren, matten und doch kraftvollen Kehlen kam. Das war das Land selber, welches - lange gewohnt, nur zu stöhnen - einen Jubelruf gebar.
„Kaum waren die Hurrarufe verklungen, als das von den Franzosen verbotene, geliebte Lied ‚Deutschland, Deutschland über alles‘ und ‚Die Wacht am Rhein‘ in die Dämmerung hinausgejauchzt und -geschluchzt wurden. Es war ja nicht nur das, daß die Führer wieder auf freiem Fuße waren. Wer weiß, wie viele Tage vergehen, bis sie wieder eingesperrt werden. Es war eher ein Volk, das sich selbst den Eid schwur, einig und fest zu stehen bis zur letzten, bis zur allerletzten Stunde.“
Aber nicht allein auf der Straße fanden solche Kundgebungen statt, bei denen spontan der Wille zu Einheit und Abwehr zum Ausdruck kam, sondern auch in den rheinischen Theatern erhob sich das scharenweise herbeigeströmte Publikum und sprach bei der Aufführung des Schillerschen Dramas „Wilhelm Tell“ den Rütli-Schwur mit: „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brpdern...“
Diesen Erfolg ihrer Politik hatten Poincaré und die Chauvinisten an der Seine entschieden nicht erwartet. Die Basis, von der sie ausgegangen, war die Zerrissenheit der Deutschen, war die Tatsache, daß im Einbruchsgebiet vor wenigen Jahren noch der Bruderkampf voller Grimm und Unerbittlichkeit getobt. Und was sie nun antrafen, war der aus einem allmählich erwachenden völkischen Instinkt geborene Wille aller zur Einheit im Freiheitskampf gegen die westlichen Zwingherren, zum Widerstand um jeden Preis. Ein Volk stand auf.
Hier nun sei die Frage gestellt: Was tat die Reichsregierung, um diesen elementar der breiten Masse des Volkes entsprungenen Widerstandswillen zu unterstützen, ihn in die richtigen Bahnen zu lenken und dadurch einen vollen Erfolg zu erringen? Sie tat Schlimmeres als nichts, sie tat zu wenig, erging sich in Halbheiten und ergriff Maßnahmen, die von vornherein zur Aussichtslosigkeit verdammt waren. Sie war ohne Idee, ohne Ziel, ohne Plan, sie war ohne klare Erkenntnis der tatsächlich geschaffenen politischen Lage und der sich daraus zwangsläufig ergebenden Folgerungen.
Der Regierungschef, Reichskanzler Dr. Cuno, kam aus dem Wirtschaftsleben und zugleich aus der Welt des Bürgertums. Mochte er selbst von ehrlichem Wollen beseelt und persönlich sauber sein, so war es ihm doch nicht möglich, sich von den Schlacken zu befreien, die ihm aus Herkunft, Erziehung und Werdegang, aus der ganzen Atmosphäre bürgerlichen Denkens anhafteten. Denn der Begriff des Bürgerlichen umschließt für uns, entgegen der liberalistischen Auffassung, nicht eine Volksschicht, sondern eine Geistes- und Charakterhaltung, die sich durch alle Schichten des Volkes zieht und den einzelnen wie einen Gallert umgibt. Bürgerlich, das sind die rettungslos Halben, ewig Lauen, Zweifelnden - Menschen mit der doppelten Moral einer Wohlanständigkeit nach außen und einer halbgewagten, sich selbst nie eingestandenen Verderbtheit nach innen, im Denken und Handeln einzig von wirtschaftlichen Gesichtspunkten, vom Gelde geleitet und Unvermögen, die sich womöglich „national“ gebärden, um über den Feuern der vaterländischen Begeisterung die eigenen Fettkessel brodeln zu lassen. Sie meiden den Kampf, sind mit Vorliebe für „Ruhe und Ordnung“ zur unrechten Zeit und befinden sich, da seelisch ohne Tiefe oder im Blickfeld durch weltanschauliche Scheuklappen begrenzt, bei jeder Handlung im guten Glauben. Das Panier der Ehrsamkeit ist für sie der ersprießliche Kontoauszug ihres Bankguthabens.
Soviel vom Bürgerlichen im allgemeinen. Für Dr. Cuno, noch einen der Besten aus dieser bürgerlichen Welt, gilt, was pber die weltanschaulichen Scheuklappen gesagt wurde. Sie begrenzten sein Blickfeld zu einer rein wirtschaftlichen Betrachtungsweise. Er sah darum in Frankreich nicht den Eroberer, sondern den brutalen Reparationsgläubiger und glaubte, in der Abwehr genug zu tun, wenn er diesem Gläubiger das räuberisch erpreßte Pfand, die Kohle, hinterzog. Hierzu genügte nach seiner Meinung ein mit Staatsgeldern gewährter Streik riesigen Ausmaßes: der passive Widerstand.
Wie der Kanzler, selbst wenn seine Annahme richtig gewesen wäre, erwarten konnte, daß diese Maßnahme allein auf die Dauer genügen würde, um eine vortrefflich ausgerüstete Armee zum Abzug aus dem Ruhrgebiet und damit zur Freigabe des Pfandes zu bewegen, das ist sein Geheimnis geblieben. Der passive Widerstand hatte nur dann einen Zweck, wenn er die Einleitung zur aktiven Gegenwehr sein sollte. Dies wäre bei der zahlenmäßigen und technischen Schwäche des Reichsheeres im Moment des Ruhreinbruchs allerdings ein Wahnsinn gewesen. Wohl aber hätte unverzüglich ein Machtinstrument geschaffen werden müssen, mit dessen Hilfe der Ruhrwiderstand zumindest in einen verdeckten Kleinkrieg umzuwandeln gewesen wäre. Bei den später folgenden Konferenzen jedoch, die dem ohnmächtigen Deutschland eine Unterwerfung nach der anderen eingetragen haben, hätte es, als Brennusschwert in die Waagschale der Verhandlungen geworfen, dem deutschen Volk jenes später erduldete Übermaß an Leiden und Elend ersparen können.
Die Schaffnung eines solchen Machtinstrumentes forderte die außen- und innenpolitische Gesamtsituation geradezu heraus. In England hatte Lloyd George dem Konservativen Bonar Law Platz gemacht, einem müden und verbrauchten Mann, der die Initiative nur zu gern an Lord Curzon, den Außenminister, abgab. Curzon, im Augenblick noch zu sehr mit der Türkei und der schon seit geraumer Zeit tagenden Konferenzen in Lausanne beschäftigt, gehörte nicht nur zu den Urhebern der englischen Abkehr von der Ruhrpolitik Poincarés; er hätte auch, obwohl Realpolitiker im plattesten Sinne des Wortes und oft im Winde der Ereignisse treibend, für sich jede Äußerung in Anspruch nehmen können, die Bradbury in der Reparationskommission vor Monaten schon gemacht hatte: „Wenn die deutsche Regierung keinen Mut hat und keine Mittel und Wege findet, um sich selbst zu helfen, so können wir ihr auch nicht helfen. Wenn sie weiter die Arme kreuzt und auf die Katastrophe wartet, so wird sie wahrscheinlich zerstörende Kräfte auslösen, gegen die der Rhein nur eine schwache Schranke bildet und gegen die auch der Kanal sich als unwirksam erweisen wird.“
Das besagte genug. Es hätte also nur eines gehörigen Anstoßes von Berlin bedurft, um schließlich auch einen Stimmungsumschwung bei den englischen Besatzungstruppen im Rheinland herbeizuführen, die aus dem Geist der Waffenbrüderschaft heraus dem französischen Vorgehen gegenüber eine wohlwollende Neutralität bewahrten. Viel schärfer, als bisher geschehen, wäre dann hervorgetreten, daß die englische Rheinbesetzung nur beibehalten wurde, damit London zu gegebener Zeit in der Frage des kontinentalen Gleichgewichts seinen Standpunkt nachdrücklicher vertreten konnte, als dies später möglich war. Und man hätte nie daran gedacht, in die Fußstapfen Amerikas zu treten, das seine Truppen am 24. Januar 1923 aus dem Rheinland zurückzog und damit einer Verstärkung der französischen Vormachtstellung am Rhein den Weg freigab.
Doch die hier vorhandenen Möglichkeiten wurden von der Regierung Cuno nur gering bewertet. Sie verstand nicht einmal jene Zeichen, die sich aus den jüngsten Ereignissen in Italien ergaben. Dort hatte Mussolini am 25./26. Oktober 1922 in einem einzigartigen Siegeszug mit seinen Faschisten den Marsch auf Rom angetreten und die Marxisten zu Paaren getrieben. An Stelle des vom Marxismus geführten Klassenkampfes der Besitzlosen gegen die Besitzenden proklamierte er „den Kampf der besitzlosen italienischen Nation gegen die besitzenden anderen Nationen.“ Dieser Satz enthielt nicht zuletzt eine Spitze gegen Frankreich, und es war nur folgerichtig, daß Mussolini später - nach klarem Erkennen der Absichten Poincarés - die italienischen Ingenieure aus der „Micum“ abberief.
Doch weder das Verhalten Englands noch das Beispiel Italiens vermochten Dr. Cuno zu einer grundsätzlichen Umgestaltung der außen- und innenpolitischen Verhältnisse Deutschlands zu ermutigen. Die Regierung legte im Gegenteil für den Tiefengrad ihrer Schwäche bei einem anderen Ereignis, das zu den größten historischen Skandalen dieser Zeit gehört, ein beredtes Zeugnis ab. Zum gleichen Zeitpunkt, als die Franzosen in das Ruhrgebiet eindrangen, zogen sie sich aus der seit Versailles von ihnen besetzten Nordostecke des Reiches zurück und veranlaßten, daß die aus ihrer Steppenöde zusammengelaufenen Litauer am 10. Januar 1923 über das kerndeutsche Memelland herfielen und erst am rechten Ufer des Memelstromes auf der Linie Tilsit-Schmalleningken haltmachten. Zum Teil auf Gänserümpfen, häufig nur mit Fellen bekleidet, mit Heugabeln und Sensen bewaffnet, waren sie zur „Eroberung“ deutschen Landes ausgezogen und konnten ihren Raub ungestört einheimsen, weil die Reichsregierung, insbesondere Herr Severing, die Vertreibung der Litauer durch die in Tilsit bereitstehenden Freiwilligenverbände unter Führung des tatkräftigen Hauptmanns Ammon verbot und diese schimpfliche Resignation mit dem Hinweis auf Versailles begründete.
Dabei stand außenpolitisch klar vor aller Welt, daß Frankreich mit dem völlig rechtswidrigen Ruhreinbruch das Vertragsgebäude von Versailles umgestoßen hatte. Für Deutschland wäre es daher eine Selbstverständlichkeit gewesen, alle ihm durch Versailles auferlegten Beschränkungen sofort abzuschütteln und neben den bereits angeführten Maßnahmen aus dem Ruhreinfall eine außenpolitische Kampfbasis gegen die für eine Ewigkeit gedachte Versklavung des Reiches zu schaffen. Wer innenpolitisch diesem Ziel hemmend entgegenstand, mußte rücksichtslos zertreten werden. Und das war der Marxismus.
Schon in der Reichstagssitzung vom 13. Januar zeigten sich bei der mit knapper Not zustande gekommenen „Einheitsfront“ die ersten Merkmale des Verfalls. Bei der Resolution des Reichstages, die Regierung in der „entschlossenen Abwehr“ des französischen Gewaltaktes zu unterstützen, stimmten 12 Kommunisten dagegen und 16 Sozialdemokraten enthielten sich der Stimme. Das Gros der SPD aber hatte sich, ohne irgendeine Verantwortung in der Reichsregierung zu übernehmen, auf die lockere Bindung mit den bürgerlichen Parteien nur eingelassen, um diesen das Gesetz des Handelns vorzuschreiben. Die Sozialdemokratie konnte das um so mehr, als auch Herr Cuno, festhaltend an der parlamentarischen Regierungsbasis, die Hilfe der Marxisten zu benötigen glaubte.
Welcher Art diese „Hilfe“ jedoch war, zeigte sich bald. Die bisher Unabhängigen Sozialdemokraten Breitscheid und Hilferding fuhren nach London und Paris, versicherten dort die Verständnisbereitschaft der marxistischen Parteien und ferner, daß Deutschland noch immer leistungsfähig, aber böswillig sei. Im Reichstag selber machten sie der Regierung hinter den Kulissen schon in den Anfängen des Ruhrkampfes Schwierigkeiten und taten alles, um das aufflammende Nationalbewußtsein der Arbeiterschaft in den internationalen Klassenkampf abzubiegen. Denn eine tiefere Verwurzelung des nationalen Gedankens, dessen war man sich bewußt, hätte das Volk die wahre Ursache seines Verfalls erkennen lassen und für die marxistischen Drahtzieher den Verlust ihrer Pfründe zur Folge gehabt. So scheuten sie keinen Betrug, keinen Verrat an Volk und Land und erprobten dabei wieder einmal ihre festeste Stütze, die preußische Regierung.
In dieser war es besonders der sozialdemokratische Innenminister Karl Severing, eine der übelsten Erscheinungen des Zwischenreiches, der mit wütender Energie danach trachtete, jeden vaterländischen Gedanken im Keime zu ersticken. Soweit sich in den Anordnungen der Reichsregierung auch nur die Möglichkeit nationaler Bestrebungen vermuten ließ, hintertrieb er sie planmäßig und ging auch dazu über, die Reichswehr öffentlich bloßzustellen und dadurch den Franzosen Material gegen Deutschland in die Hände zu spielen. Ein um so niederträchtigeres Verhalten, als die Vermehrung der Wehrmacht vollkommen unzulänglich war und lediglich in einer angegliederten Organisation von wenigen tausend Mann, den sogenannten Zeitfreiwilligen bestand, die man auch „Schwarze Reichswehr“ nannte. Eine weitere Heeresverstärkung, außenpolitisch ermöglicht durch den von Frankreich zerrissenen Versailler Vertrag, scheiterte ebenso an der undurchsichtigen Haltung und mangelnden Initiative des Chefs der Heeresleitung, General von Seeckt, wie an der politischen Lendenlahmheit des Reichskanzlers, der die marxistische Natter an seinem Busen großzog, statt sie, den größten Feind der Wehrmacht, zu vernichten. Seeckt und Cuno, sie waren beide mit bürgerlicher Blindheit geschlagen und erkannten die Gunst der Stunde nicht.
Allerdings erfreute sich der Kanzler bei seinem Liebeswerben um den widerspenstigen Marxismus des Beifalls aus dem ganzen bürgerlichen Lager. Bei den jüdischen Demokraten geschah das aus der Wesensverwandtschaft mit der Sozialdemokratie heraus und bei dem jesuitischen Zentrum aus liebgewordener Gewohnheit. Die Deutsche Volkspartei aber, geführt von Dr. Gustav Stresemann, offenbarte jetzt zum ersten Male ihre Interessenverfilzung mit den jüdischen Novemberherren, und die Deutschnationalen waren als ewige Reaktionäre in der weltanschaulichen Vergreisung so weit vorgeschritten, daß sie nach der nationalen Phrase griffen wie der Ertrinkende nach dem Strohhalm.
So schlossen sich in der parlamentarischen Demokratie des Novembersystems die Parteien zusammen, halb widerstrebend, halb aus freiem Willen, im letzten Motiv gedrängt von den schwachen Kräften des verfallenden Liberalismus, der als Nährboden ihnen allen gemeinsam war, und insonderheit angelockt von rein materiellen Vorteilen, die sie bei der Finanzierung des Ruhrkampfes zu erhaschen gedachten. Wozu dieser, aus den fremdartigsten Bestandteilen zusammengewürfelte Interessentenhaufen sich bestenfalls noch aufzuschwingen vermochte, es konnte in der Tat nicht mehr sein als blasse Passivität.
Dem entsprach das Tun und Lassen der Regierung, die mit dem wesentlich aktiveren Geist des deutschen Volkes nur noch wenig gemein hatte. Sie erging sich in papierenen Protesten gegen Frankreich, berief die Botschafter und Gesandten aus den Einbruchsländern ab, erhielt aber die diplomatischen Beziehungen durch Geschäftsträger aufrecht und zeigte in allem, daß sie einzig noch leerer Gesten fähig war.
Hierhin gehört auch die Veranstaltung des Volkstrauertages am 14. Januar 1923. In allen Städten des Reiches wurden die an sich tatbereiten Massen nicht zu einer disziplinierten Erhebung aufgerufen, sondern aus den Worten der mehr oder minder amtlichen Redner sprach ein Geist demutsvoller Ergebenheit, stoischer Leidensfähigkeit und kraftlosen Duldersinnes, die nach Meinung dieser Weichlinge allein geeignet seien, den Feind zu Einsicht zu bringen.
Bei einer solchen Einstellung der Regierenden war es kein Wunder, daß sie nirgends geeignete Vorbereitungen gegen den Einmarsch der Franzosen getroffen hatten. Erst am 19. Januar 1923, nachdem Deutschland die Reparationslieferungen eingestellt hatte und die Ruhrbevölkerung schon längst von sich aus, so gut sie konnte, den Eindringlingen entgegengetreten war, wurde der „passive Widerstand“ angeordnet, Beamten und Arbeitern der Reichs- und Landesbehörden die Befolgung französischer Befehle untersagt.
Für den nun in vollem Umfang einsetzenden Riesenstreik an der Ruhr veranstaltete die Regierung große Sammlungen, die im Verein mit Staatsgeldern als Ruhrhilfe sowohl der Industrie als auch den Gewerkschaften zugute kamen und für beide Teile zu einem vortrefflichen Geschäft wurden. Auf Goldmark umgerechnet, waren es Milliarden, mit denen sich die hinter den Parteien stehenden Syndikate, Verbände, Einzelpersonen und vor allem die Gewerkschaften aus den Notgroschen und Steuergeldern des Volkes mästeten. Sooft sich diese Organisationen befehdet hatten und auch in Zukunft wieder bis aufs Blut befehden sollten, jetzt hatte sie die Sucht nach dem Gelde unter Herrn Cuno vereint, der mit leidender Miene zusehen mußte, wie die Gewerkschaften das von ihnen geforderte Nichtstun mit marxistischen Kampfparolen verbrämten und streng darauf achteten, daß die aktiven Regungen auch innerhalb der Arbeiterschaft unterdrückt wurden.
Obwohl der Aufwand ungeheurer Summen, ohne daß mit ihnen ein politisch verwendbarer Wert geschaffen wurde, die Kassen von Staat und Wirtschaft bedenklich leerte, gelang es der Regierung zunächst doch, die Währung zu stützen. Ein Beweis dafür, daß der Bestand einer Währung in erster Linie von der nationalen Geschlossenheit eines Volkes, wie sie damals vorhanden schien, abhängig ist. Soe gelang es, die Mark eine Zeitlang auf dem Stande von 20 000 bis 22 000 Mark für den Dollar zu halten, bis sich die parlamentarische Einheitsfront des Reichstages vor aller Welt als das entpuppte, was sie tatsächlich von Anbeginn war: ein politisches Nebelgebilde, das bei einem schärfer aus Paris geblasenen Wind zerflattern mußte.
Unter den Politikern Deutschlands gab es nur einen, der den Verlauf der Dinge sofort erkannte und richtig voraussagte. Es war Adolf Hitler. Mit fanatischer Leidenschaft wehrte er sich an der Spitze seiner nationalsozialistischen Kämpfer gegen die verderbliche Halbheit in Berlin. Die Regierung ihrerseits fürchtete nichts so sehr wie eine nationale Erhebung und verhängte über das ganze Reichsgebiet den Ausnahmezustand, der jedoch bei der Gewalt des immer heftiger werdenden nationalsozialistischen Ansturmes in Bayern „elastisch“ gehandhabt werden mußte, um eine Revolution zu vermeiden. So konnte Adolf Hitler die Seinen zu einer Heerschau versammeln. Am 28. Januar hielt er auf dem Marsfeld zu München den ersten Reichsparteitag ab.
In seiner großen Rede ging der Führer von den Gedankengängen aus, die in seinem Hauptwerk „Mein Kampf“ enthalten sind, und sagte der Regierung Cuno den allerschärfsten Kampf an. Geschehen zu einer Zeit, da der größte Teil des deutschen Volkes sich durch einen Wortschwall nationaler Phrasen aus dem bürgerlichen Lager täuschen ließ, und Cuno für den Mann hielt, der er ganz einfach nicht war. Überall wurde der passive Widerstand als große Tat gefeiert. Da zeugte es von Mut und Scharfblick zugleich, wenn Adolf Hitler auf dem Marsfeld diese Art des Widerstandes für aussichtslos erklärte, zumal daran jene Kräfte mitwirkten, die das deutsche Heer während des Krieges von innen heraus zermürbt hatten. Es sei eine Verstiegenheit bürgerlicher Gemüter, zu glauben, daß sich der Marxismus geändert habe und daß die kanaillösen Führerkreaturen des Jahres 1918, die damals zwei Millionen Tote eiskalt mit Füßen traten, um an die Regierung zu kommen, jetzt im Jahre 1923 dem nationalen Gewissen plötzlich ihren Tribut zu leisten bereit seien. Nie könnten die Landesverräter von einst zu Kämpfern für eine deutsche Freiheit werden. Wenn man den Widerstand ernstlich wolle, dann sei es allererste Pflicht einer wahrhaft nationalen Regierung, die Kräfte zu sichern und zu finden, die entschlossen seien, den Marxismus, den Todfeind in den eigenen Reihen, zu vernichten. Dann erst habe der Widerstand einen Sinn und böte Aussicht auf Erfolg. Mit einem Streik auf der ganzen Linie sei dieser jedoch nie und nimmer zu erreichen. Ein Volk könne man nicht durch Beten befreien, ebensowenig aber auch durch Faulenzen, sondern einzig und allein durch Arbeit, Opfer und Kampf.
Deshalb forderte Adolf Hitler von der Regierung, daß sie im Hinblick auf die letzten Konsequenzen des passiven Widerstandes die Beseitigung des Marxismus durch die nationalsozialistische Bewegung zulassen und den den Aufbau einer aktiven Front aus jenen Kräften vornehmen möge, die ohne Besinnen Ehre und Freiheit der Nation mit ihrem Blut zu erkämofen bereit seien. Allenthalben beginne sich im Reich ein ähnlicher Geist bemerkbar zu machen. Befreit von den marxistischen Zersetzungserscheinungen, würde er als einheitlich geschlossener Wille überall in Deutschland zum Ausdruck kommen. Dann werde sich auch das französische Volk, das an sich den Frieden wolle und seiner Tapferkeit und Vaterlandsliebe wegen gerade in nationalsozialistischen Kreisen höchster Achtung begegne, fragen müssen, ob es sich noch weiter zum Handlanger einer Politik machen lassen wolle, die Europa in den Strudel chaotischer Unruhe und fürchterlicher Zerstörung stürze.
Wie treffend Adolf Hitler nicht nur die Politik Cunos, sondern auch das französische Volk beurteilte, hat der geschichtliche Ablauf der Ereignisse, haben insbesondere die Wahlen von 1924 in Frankreich bewiesen. Noch aber regierte an der Seine Poincaré, noch gab es für die Besten im bedrängten Deutschen Reich keine andere Hoffnung, als die bei der Regierung vielleicht doch noch erreichbare Aufnahme des Kampfes umd Ehre und Geltung der Nation vor der Welt und vor unseren Feinden.
Alle, die damals auf dem Marsfeld standen, waren bereit, sich für dieses Ziel einzusetzen und, wenn es sein mußte, auch zu sterben. Es befanden sich unter ihnen auch jene, die aus den Freikorps zur nationalsozialistischen Bewegung gestoßen waren. Erfüllt von dem Geiste Adolf Hitlers, zogen viele dieser Männer nun aus, um auf einsamen Posten an der Ruhr, ohne Hoffnung auf Dank und Anerkennung, einen Kampf aufzunehmen, der vor der Geschichte dereinst als das markanteste Zeichen für Deutschlands Erneuerung angesehen werden wird. Und aus den Reihen dieser Soldaten für eine bessere Zukunft unseres Volkes ragt eine Heldengestalt hervor, die in ihrer schlichten Größe nur mit Adreas Hofer verglichen werden kann.
Es ist Albert Leo Schlageter.
- *) Siehe „Schulungsbrief“ II, Folge 1: „Der Weg zur Ruhr.“
- **) Hanseatische Verlangsanstalt, Hamburg-Berlin, 1930.
Quelle
- Der Schulungsbrief, II. Jahrgang, 2. Folge (Feb. 1935), S. 60-70.
Anmerkungen
Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben, Lateinschrift im Original hier fett. Ergänzungen in eckigen Klammern.
