Arthur Schopenhauer, Mensch und Kämpfer

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Alfred Rosenberg


Arthur Schopenhauer, Mensch und Kämpfer

Aus Anlaß des 150. Geburtstages Arthur Schopenhauers fand in Danzig am 22. Februar 1938 eine offizielle Reichsfeier statt, auf der Reichsleiter Rosenberg das Leben und Werk dieses großen Kämpfers des Geistes würdigte. In der Feierstunde in der Aula der Technischen Hochschule zeichnete Alfred Rosenberg vor allem die große Persönlichkeit und Kraft dieses deutschen Philosophen, mit der er sich gegenüber einer tauben Welt durchzusetzen bemühte. Sein vor nichts zurückschreckender Wahrheitsfanatismus eröffnete ihm Regionen des Denkens, auf denen er in fortschreitender Erkenntnis unbekümmert und unbestechlich alle Entartungserscheinungen richtete. Sein Wille zur verinnerlichten Wahrheit und sein Bekenntnis zu einem gesteigerten Persönlichkeitsbewußtsein führen uns das weltumfassende Genie Schopenhauers heute näher als es jemals zu früheren Geschlechtern gefunden hat.
Nach der Rede des Reichsleiters fand die Enthüllung einer Büste Arthur Schopenhauers und einer Gedenktafel am Geburtshaus Arthur Schopenhauers in der Heiligen-Geist-Gasse statt.
Mit diesem Vortrag wurde eine für das internationale wissenschaftliche Leben bedeutsame Schopenhauer-Woche eröffnet, die weit über den Rahmen Deutschlands in allen Wissenschaftskreisen Beachtung fand.

Heute begeht, gemeinsam mit dem deutschen Volke, die gesamte europäische Kulturwelt den 150. Geburtstag eines Mannes, der wie nur wenige anspornend, Liebe und Kampf erweckend, die Gemüter vieler Generationen bewegt hat. Wenn ich hier für die nationalsozialistische Bewegung über diesen Giganten im Reiche des Geistes spreche, so kann es mir nicht darauf ankommen, das Für und Wider des Schopenhauerschen metaphysischen Systems abzuwägen oder eine Untersuchung über seine Grundlagen der Moral- und Geschichtsbetrachtung im einzelnen durchzuführen. Diese Analyse der Entstehung und erkenntniskritischen Wertung seines Werkes mag den Sondervorträgen vorbehalten bleiben. Worauf wir als Nationalsozialisten heute aber entscheidendes Gewicht legen, ist die große Persönlichkeit, die Kraft, mit der sie sich in einer tauben Welt durchzusetzen bemühte, die Persönlichkeit Arthur Schopenhauers als Zeichen eines vor nichts zurückschreckenden Wahrheitsfanatismus' und als ein Symbol jener hohen Unbekümmertheit der Haltung, die einmal für immer das Kennzeichen dieses schöpferischen Ingeniums gewesen ist. Angesichts mancher scheinbar auseinanderklaffender Gemütslagen, wie seiner mystischen Versunkenheit, gepaart mit einem rücksichtslosen Durchsetzungswillen, seiner Liebe zur indischen Weltverneinung und zugleich seiner nimmermüden Kampfeslust, ist mancher Deuter veranlaßt worden, Schopenhauer gleichsam als unbeteiligten Zuschauer vor dem Theater dieses Lebens zu bezeichnen. Diese Deutung erscheint wohl falscher als irgendeine andere; denn gerade die tiefen Gemütserlebnisse seiner Jugend bilden den Ausgangspunkt seiner Darstellung des Leidens dieser Welt und der rücksichtslosen Kritik der geistigen und gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit. Es ging Schopenhauer, wie er selbst ausführt, ähnlich wie dem indischen Königssohn, dem späteren Buddha, der im Leid eines einzigen Bettlers das Leid der ganzen Welt erkannte. Als Schopenhauer in seiner Jugend in Toulon 6000 Galeerensklaven in fürchterlicher Arbeit sah, erschien ihm das gleichsam als Symbol dafür, daß wir alle, angeschmiedet an ein scheinbar unenträtselbares Schicksal, nicht nur lobpreisend über die schönste aller Welten dahinleben sollten, sondern alle Ursache hätten, auch das dunkle Gesicht dieses Daseins schonungslos anzuerkennen.

Gleich, ob wir uns nun auf den einstweiligen Standpunkt Schopenhauers stellen, daß diese Welt kein Werk eines allgültigen Wesens, wohl aber das eines Teufels sei, der Geschöpfe in das Dasein gerufen, um am Anblick ihrer Qual sich zu weiden - oder ob wir darüber hinausgehend im Verlauf der Völkergeschichte eine tiefer wirkende Vorsehung erblicken, etwas ist es jedenfalls, was zu allen Zeiten, namentlich in gesättigten Zeiten eines oberflächlichen Dahinlebens, zu bedenken notwendig ist.

Als die Welt im scheinbar nicht endenwollenden wirtschaftlichen „Fortschritt“ begriffen schien, da haben sich zwar schon öfters vor dem Weltkrieg drohende Gewitterwolken am politischen Horizont gezeigt und fernsichtige Menschen zu sorgenden Gedanken veranlaßt. Aber die Millionen gingen ihren Künsten und Geschäften nach ohne ein tieferes Empfinden für die Schicksalszeiten des eigenen Ichs und der Völker, - bis schließlich die Blitze einschlugen und alle Nationen Europas sich Aug' in Aug' gegenpber Problemen des Lebens und des Todes sahen, denen sie früher glaubten, aus dem Wege gehen zu können. Damit entstand millionenfach wieder jene alte Frage vom Sinn des Kampfes und des großen Leides dieser Welt vor allen. Sie hat auch heute nicht etwa aufgehört, die Menschen zu bewegen, sondern in tausend Formen der sozialen Probleme, der politischen Spannungen und angesichts des ständigen Opferwillens von Millionen Einzelner zwingt sie die Menschen, nicht mit der alten optimistischen Oberflächlichkeit, sondern in tieferen Abschätzungen von Freude und Leid sich mit diesem Leben auseinanderzusetzen.

Mar hat Schopenhauer einen voluntaristischen Philosophen genannt, d. h. einen Denker, der in allem trieb- und willensbetont erscheint. Das ist zweifellos, was den Inhalt seiner Philosophie betrifft, richtig, und doch wird Schopenhauer nicht müde, gerade die Vernunft, das Übermaß an Intellekt, als Zeichen des Genies hinzustellen; diesem Intellekt hat er die Macht zugeschrieben, den großen Menschen von allen niederziehenden Antrieben dieses Lebens befreien zu können. Von hier aus gesehen, erscheint Schopenhauer manchmal wie eine Verkörperung jener frohen Hoffnung der Denker des 18. Jahrhunderts, als die Kraft der Vernunft zur alles lösenden Macht des Lebens erklärt wurde. Das darf man nicht vergessen, wenn man Schopenhauers zentrale Auseinandersetzungen zwischen Religion und Philosophie, zwischen indischem und europäischen Denken betrachtet oder wenn man seiner Bewertung des Genies im Völkerleben nachgeht.

Er erblickte zwischen Religion, - womit er fast immer die dogmatische und durch Geschichtstradition festgelegte kirchliche Lebensform bezeichnet, - und dem reinen Denken eine unüberwindliche Kluft und war der festen Überzeugung, daß dieser Kampf fortlaufend weitergehen müsse. Wer das geistige Ringen des letzten Jahrhunderts daraufhin prüft, der wird zwar finden, daß Schopenhauers Ansicht, als ob Glaube und Wissen absolute Gegner seien, nicht notwendig zutrifft, daß dagegen der Kampf zwischen einer neuen Lebensphilosophie und dem erstarrten Dogmatismus in unverminderter Form der Zeit ihr Gepräge gegeben hat. Darum bleibt es für uns immer von Interesse, wie ein die Lebensphänomene durchdringendes, alles mit vollendeter Plastik darstellendes Genie sich diese Auseinandersetzungen vorgestellt hat, wissen wir doch, daß dieses Denken in immer neuen Wellen hinüberschlägt von einem Volk zum anderen.

Den Priestern an sich, gleich ob sie christlich, brahmanisch, mohammedanisch oder buddhistisch seien, wirft Schopenhauer vor, sie hätten die große Stärke und Unvertilgbarkeit des metaphysischen Bedürfnisses des Menschen richtig erkannt und wohl gefaßt. Sie gäben vor, die Befriedigung desselben zu besitzen, indem ihnen die Lösung des großen Rätsels auf außerordentlichem Wege zugekommen wäre. Dies nun den Menschen einmal eingeredet, könnten sie solche leiten und beherrschen nach Herzenslust. „Von den Regenten gehen daher die Klügeren eine Allianz mit ihnen ein: die anderen werden selbst von ihnen beherrscht.“

Im Durchschauen dieses Priesterspieles glaubt nun Schopenhauer, daß bei fortschreitender Erkenntnis der nicht stichhaltigen historischen oder legendären Urkunden der verschiedenen Religionen diese nach und nach absterben würden. Die Menschheit wachse die Religion aus wie ein Kinderkleid, da sei kein Halten mehr. Eine echte Moral sei von keiner Religion abhängig. Zuerst werde das genormte kirchliche Christentum aus den mittleren Ständen vertrieben, es flüchte sich zu den niedrigsten, wo es als Konventikelwesen [=Kleinere religiöse Versammlungen außerhalb geweihter Kirchen] auftrete, und in die höchsten, wo es Sache der Politik werde. Man habe jahrhundertelang ein sicheres Mittel zur Förderung der Festsetzung einer legendären Dogmatik gebraucht, nämlich die Ungwissenheit, aber es sei nun so, daß das Christentum, von den Wissenschaften fortwährend unterminiert, seinem Ende allmählich entgegengehe; wobei Schopenhauer die metaphysische Seite des Christentums mit tiefer Achtung erwähnt. Die Religionsurkunden enthielten Wunder zur Beglaubigung ihres Inhalts; aber es komme eine Zeit heran, wo sie das Gegenteil bewirken. Es sei ein eigentümlicher Nachteil des Christentums, der besonders seinen Ansprüchen entgegenstehe, daß es sich um eine einzige individuelle Begebenheit drehe und von dieser das Schicksal der Welt abhängig mache. Dies sei um so anstößiger, als jeder von Hause aus berechtigt sei, eine solche Begebenheit von sich aus zu ignorieren. Und Schopenhauer zieht in Anbetracht des schon zu seiner Zeit immer deutlicher werdenden Einwirkens indischer und iranischer Einflüsse auf das Christentum, auf Grund des Hinschwindens des Glaubens an eine sogenannte einmalige geschichtliche Offenbarung und im Bewerten der politisch-gesellschaftlichen Zustände folgenden harten und drastischen Schluß:

„In früheren Jahrhunderten war die Religion ein Wald, hinter welchem Heere halten und sich decken konnten. Aber nach so vielen Fällungen ist sie nur noch ein Buschwerk, hinter welchem gelegentlich Gauner sich verstecken.“

Wir alle haben in den letzten Jahrzehnten leider manches politische Beispiel für die von Schopenhauer vorausgesagte Taktik jener feststellen können, die hinter dem Buschwerk scheinbar religiöser Behauptungen ihre unheilvolle Politik in Deutschland getrieben haben. Und Schopenhauer greift diese Kräfte ja auch nicht an aus Freude an der Kritik, sondern aus tiefer, seelisch-wahrhaftiger Sorge: weil von der fortschreitenden Philosophie die unwahrhaftigen und scheinheiligen Verhüllungen erkannt würden, so drohe, mit der derzeitigen Form des Christentums „auch der Geist und Sinn desselben“ dahinzugehen und „die Menschheit dem moralischen Materialismus“ überliefert zu werden. Die Schuld an dieser Gefahr trügen aber nicht die Forscher und Sucher, sondern der „obligate Tartüffianismus“ [=die „verpflichtende Heuchelei“] im kirchlichen Scheinleben.

Da Schopenhauer so unbekümmert und unbestechlich Gesellschaft und Leben betrachtet, so war ihm schon zu seiner Zeit das Problem des Judentums nicht nur eine theoretische Angelegenheit, sondern mit dem Instinkte des Genies witterte er im Juden allein schon auf philosophischem Gebiete den Antipoden eines jeden echten arischen Religionsgefühls, und gegen die Materialisierung sowohl als auch gegen den Zug des jüdischen Geistes im staatlichen Denken Europas hat er in einem Maße protestiert, wie auch nach ihm nur wenige mit dieser Klarheit und diesem Mot. Es täte gut, wenn mancher Staatsmann, der heute seine Politik von der Hand in den Mund treibt, einmal auch bei den Großen Europas nachschlagen wollte, was ihr durchdringender Blick über das Wesen und den Verlauf einer einmal eingeschlagenen Entwicklung ausgesagt hat. Entgegen allen Vernebelungsversuchen stellt Schopenhauer fest, daß das Judentum nicht lebensfördernd, sondern parastisch auf den anderen Völkern und ihrem Boden lebe, aber dabei doch von lebhaftem Patriotismus für die eigene Nation beseelt sei, den es an den Tag lege durch das feste Zusammenhalten, wonach es heißt: Alle für Einen und Einer für Alle. Schopenhauer prägte die einmalige historisch gewordene Formulierung:

„Das Vaterland des Juden sind die übrigen Juden.“

„Daraus geht hervor“, sagt er weiter, „wie absurd es ist, ihnen einen Anteil an der Regierung oder Verwaltung irgend eines Staates einräumen zu wollen. Ihre Religion, von Hause aus mit ihrem Staate verschmolzen und eins, ist dabei keineswegs die Hauptsache, vielmehr nur das Band, welches sie zusammenhält . . ., das Feldzeichen, daran sie sich erkennen.“ Es sei selbstverständlich falsch, das Judentum gleichsam mit jüdischer Konfession zu bezeichnen, vielmehr sei „jüdische Nation“ das Richtige. Im Nationalcharakter der Juden erblickt er „eine wundersame Abwesenheit alles dessen, was das Wort ‚verecundia‘ [=Lat. für Zurückhaltung, Scheu, Schüchternheit, Achtung, Anstandsgefühl, Schamgefühl, usw.]“ ausdrücke und nennt sie schlechtweg „große Meister im Lügen.“

An einer Stelle namentlich glaubt Schopenhauer die Zersetzung unseres arteigenen europäischen Lebensgefühls durch den jüdischen Geist feststellen zu können: in der Frage der Einheit alles Lebens. Hier lehrt Schopenhauer mit unermüdlicher Leidenschaft die Liebe und Achtung zu dem Mitgeschöpf des Menschen, zum Tier, in dem er ebenfalls einen zu achtenden Träger des Lebens erblickt und nicht ein Mittel der Herrschaft. In der allgemein anerkannten Despotie des Menschen über das Tier und in der Tierquälerei sieht er eine Auswirkung des christlich-jüdischen Geistes, gegen die zu protestieren er in seinem ganzen Leben nie aufgehört hat. Hier mache sich der „foetor [Lat., wörtl.: Gestank] Judaicus“ [=im weiteren Sinne „jüdische Widerwärtigkeit“] mehr als sonst irgendwo bemerkbar, und man solle allein aus diesem Grunde aufhören, die Moral des Christentums als die allverollkommenste hinzustellen. Es sei eine himmelschreiende Ruchlosigkeit, mit welcher „unser christlicher Pöbel gegen die Tiere“ verfahre, sie völlig zwecklos töte oder verstümmle oder martere, und selbst die von ihnen, welche unmittelbar seine Ernährer seien, um das letzte Mark aus ihren armen Knochen arbeiten ließe. Er fügt hinzu: „Das sind die Folgen jener Installations-Scene im Garten des Paradieses.“ Wolle man dieser Verrohung beikommen, so lasse uns die Kirche im Stich. - Er habe von sicherer Hand vernommen, daß ein protestantischer Geistlicher, der von einer Tierschutzgesellschaft aufgefordert wurde, eine Predigt gegen die Tierquälerei zu halten, erwidert habe, daß er dies beim besten Willen nicht könne, weil die Religion ihm keinen Anhalt dazu gebe. Der Mann sei ehrlich gewesen und habe Recht. Alle Hinweise aus der Bibel seien eben nicht ausdeutbar, und was sage jene Stelle: „Der Gerechte erbarmt sich seines Viehes“? - „‚Erbarmt!‘ - welch ein Ausdruck! Man erbarmt sich eines Sünders, eine Missetäters, nicht aber eines unschuldigen treuen Tieres, welches oft der Ernährer seines Herrn ist und nichts davon hat als spärliches Futter. ‚Erbarmt!‘ Nicht Erbarmen, sondern Gerechtigkeit ist man dem Tiere schuldig - und bleibt sie meistens schuldig, in Europa, diesem Weltteil, der vom foetor Judaicus durchzogen ist . . .“

Schopenhauer, und nach ihm Wagner, wurde auf diese Weise zum immer mahnenderen Propheten der Achtung des Lebens auf dieser Welt und zum glühenden Bekämpfer jener Roheiten, die aus dem orientalischen Gefühl entstanden, als sei das Tier eine willenlose, seelenlose Sache, mit der man nach Belieben verfahren könnte.

Hier liegt eine wesenhaft metaphysische Überzeugung Schopenhauers von der Unvertilgbarkeit des ewigen Gehalts des Lebens vor, die sein ganzes Werk durchzieht und ihn weit hinaushebt über jene Kritiker, die ihn, weil er die genormten Zwangsglaubenssätze so unbekümmert angegriffen hatte, nun als einen glaubenslosen Atheisten meinen hinstellen zu können. Denn dieser angeblick rücksichtslose Atheist war, wie wir ja alle wissen, ein Mystiker, der für diese Seite des menschlichen Wesens die herrlichsten Zeilen der deutschen Sprache geschrieben hat und dessen immer bohrender Wille zu einer einheitlichen Weltbetrachtung schließlich doch über alles Leid hinweg zu einer tief innerlichen metaphysischen Schicksalsauffassung hinführte.

Das trotz vieler scheinbarer Sinnlosigkeiten des Einzeldaseins dann immer wieder hervortretende Empfinden, als sei das Leben des Menschen doch zielstrebig, läßg Schopenhauer über die anscheinende Absichtlichkeit im Schicksal des einzelnen immer wieder nachdenken. Offenbare physische Zufälligkeit paart sich mit moralisch-metaphysischer Notwendigkeit. Jeder würde in seinem Leben Fälle finden, wie der Fridolin in Schillers „Gang nach dem Eisenhammer“, wo durch eine scheinbar zufällige Verzögerung sich ein Lebensschicksal entscheide. „Gar mancher“, fährt Schopenhaer fort, „wird hierdurch zu der Annahme getrieben werden, daß eine geheime und unerklärliche Macht alle Wendungen und Windungen unseres Lebenslaufes, zwar sehr oft gegen unsere einstweilige Absicht, jedoch so, wie es der objektiven Ganzheit und subjektiven Zweckmäßigkeit desselben angemessen, mithin unserem eigentlichen wahren Besten förderlich ist, leitet; so daß wir gar oft die Torheit der in entgegengesetzer Richtung gehegten Wünsche hinterher erkennen.“

Notwendigkeit und Zufälligkeit entspringen also einer tieferliegenden Wurzel, dies sei ein „metaphysisch-moralisches Postulat“, wie es Schopenhauer nennt. Ob wir nun das Schicksal, Fatum oder wie das Christentum, Vorsehung nennen, diese Gegebenheiten als blind oder sehend darstellten, das sei ein anthropomorphischer Unterschied. Dieser falle weg „und verliert alle Bedeutung bei dem tiefinneren, metaphysischen Wesen der Dinge, in welchem allein wir die Wurzel jener unerklärlichen Einheit des Zufälligen mit dem Notwendigen, welche sich als der geheime Lenker aller menschlichen Dinge darstellt, zu suchen haben.“

„Jeder fühlt“, sagt Schopenhauer an anderer Stelle, „daß er etwas anderes ist, als ein von einem anderen einst aus dem Nichts geschaffenes Wesen. Daraus entsteht ihm die Zuversicht, daß der Tod wohl seinem Leben, jedoch nicht seinem Dasein ein Ende machen kann. Der Mensch ist etwas anderes als ein belebtes Nichts: - und das Tier auch.“ - „Je deutlicher einer sich der Hinfälligkeit, Nichtigkeit und traumartigen Beschaffenheit aller Dinge bewußt wird, desto deutlicher wird er sich auch der Ewigkeit seines eigenen inneren Wesens bewußt; weil doch eigentlich nur im Gegensatz zu diesem jene Beschaffenheit der Dinge erkannt wird; wie man den raschen Lauf seines Schiffs nur nach dem festen Ufer sehend wahrnimmt, nicht wenn man in das Schiff selbst sieht.“

Dies und alles andere, was Schopenhauer über persönliches Schicksal und Vorsehung sagt, gehört mit zu dem Schönsten, was in deutscher Sprache geschrieben, zu dem Ehrlichsten, was in deutscher Sprache darüber gedacht worden ist. Hier wendet sich ein ganzes großes Leben immer wieder dieser Frage zu und untersucht jede Spanne zwischen Entstehen und Ewigkeit, die das Menschenleben, sein Denken, sein Fühlen und seine Gesellschaftsordnung ausfüllt. Aber immer wieder, wenn Schopenhauer in unbekümmerter Ehrlichkeit seine Gedanken ausspricht, fühlt er Abwehr und Gegenwehr, oder aber er wird überhaupt nicht gehört. Er bleibt allein.

„Die Welt ist mir öde und leer geworden“, so erklärt er einmal, „mein ganzes Leben hindurch habe ich mich schrecklich einsam geführt und stets aus tiefster Brust geseufzt: ‚Jetzt gib mir einen Menschen!‘ Vergebens! Ich bin einsam geblieben.“ Und so verbringt er sein Leben getreu seinem Entschluß, den er sich zum Ziel gesetzt hat: über dieses Leben nachzudenken. Ständige Gesellschaft für ihn sind deshalb nicht mehr die lebenden Menschen, sondern die großen Denker der Geschichte aller Völker, und immer wieder kehrt er zu jenen Alten, die nicht alt werden dürfen, zurück und preist uns die großen Griechen als uns Artverwandte. Nächst ihnen nimmt er seinen Ausgang von Immanuel Kant, als dessen größter Jünger und „kühnsten Fortsetzer“ er sich fühlt. Ich glaube, daß nirgends die Stimmung der ganzen Schopenhauerschen Persönlichkeit besser zum Ausdruck kommt, als in dem kurzen Gedicht, das er dem Gedächtnis Kants widmete:

Ich sah Dir nach in Deinen blauen Himmel,
Im blauen Himmel dort verschwand Dein Flug;
Ich blieb allein in dem Gewimmel,
Zum Troste mit Dein Wort, zum Trost Dein Buch. -
Da such ich mir die Öde zu beleben
Durch Deiner Worte geisterfüllten Klang;
Sie sind mir alle fremd, die mich umgeben.
Die Welt ist öde und das Leben lang.

Aus dieser Stimmung der Einsamkeit erwächst dann das Lobpreisen des Genies als der höchsten Blüte menschlicher Entwicklung und letzten Deutung unserer metaphysischen Wurzel. Das Genie sei in der Lage, sich von allen niederziehenden Kräften dieses Lebens zu befreien und in solchem, nur auf das rein Objektive gerichteten Gebrauch des Intellekts sei es Voraussetzung zu den höheren Graden aller künstlerischen oder philosophischen Leistung. Dieses vom Erdentriebe befreite Genie sei es, das dieses ganze Dasein zu einer Nebensache, zu einem bloßen Mittel herabdrücke, ihm allei sei es vorbehalten, auf ein Glück verzichten zu müssen, das dem lebensgewandten Menschen durch seinen Geschäftsbetrieb so leicht in den Schoß falle. Der Intellekt der gewöhnlichen Leute sei kurz und angebunden, nämlich an den Lebenswillen, der geniale Intellekt hingegen sehe die Dinge selbst und darin bestehe der Stempel seiner Ewigkeit. Und selbst mit einem weltumfassenden Intellekt begabt, verbunden mit einem stets wachsamen Instinkt, hat Schopenhauer alle Gebiete des Lebens überprüft. So subjektiv manches Angesprochene auch scheinen mag und vielfach auch ist, nur wenige haben doch das Innere des Menschen und die Kräfte der Natur derart klar seziert wie Schopenhauer. Ob er sich für die Heilsordnung ausspricht, über die Metaphysik der Geschlechtsliebe, über Pathologie und Magnetismus usw., stets sind es funkelnde Gedanken, die in jedem feurigen Gehirn zünden, das sie aufnimmt. Stets ist aber auch die große Gewissenhaftigkeit spürbar, einem Problem von allen Seiten, der Sache selbst nahezukommen; stets aber ist auch der Künstler am Werke. Die Unmittelbarkeit des Urteils und des Ausdrucks, die Schopenhauer als Kennzeichen der Geister ersten Ranges pries, und die Klarheit des Stils, den er als Außenseite auch klarer Gedanken hinstellt, das sind Eigenschaften, die auf jeder Seite seines Werkes hervortreten. Schopenhauer hat der deutschen Sprache nach vielen überkommenen Steifheiten erneut eine Plastik und Schmiegsamkeit geschenkt, einen Reichtum an Farbe und Eindruckskraft, wie nur wenige Schöpfer dieses zartesten Instruments eines Volkes.

Wer nur etwas Gefühl für Form und Formkraft besitzt, der wird in Schopenhauer über allen Gehalt hinaus auch noch den großen Wahrer der Reinheit der deutschen Sprache verehren, den stilbildenden Dramatiker unter den Philosophen.

Die Erziehung des Menschen aber, die Dinge selbst ohne Bezug auf die Ichsucht zu erblicken, zu erforschen und zu verfechten, das ist vielleicht jene größte Erziehungstat, die Schopenhauer uns vorgezeichnet hat. Jeder von uns ist in seinen Taten verstrickt mit eigenen Gefühlen und eigenen Interessen. Eine große Sache in ihrem Wesen zu sehen und dieses Wesen, unbekümmert um alle Dinge, zu verteidigen, das ist es, was wir als Kern germanischer Moral empfinden und damit zugleich als Bekenntniskern unserer nationalsozialistischen Bewegung bezeichnen dürfen. Wir haben uns durch hingebenden Kampf zu einer neuen Volksgemeinschaft zusammengefunden; aber wir haben zu gleicher Zeit, da wir diese Einmütigkeit uns erkämpften, uns nie einer nivellierenden [gleichmachenden, ausgleichenden] Stimmung hingegeben, die keine Leistungs- und Rangunterschiede kannte, sondern zu einer Zeit, als wir den Wert des Volkstums als höchsten Wert verkündeten, haben wir dabei wahrheitsmäßig auch die schöpferische große Persönlichkeit, eben das Genie, als Leuchtstern seines Weges für ein Volk hingestellt. Diese naturentsprechende, eben allgemeine Notwendigkeit und Einzeldarstellung als Einheit empfindende aristokratische Haltung ist es, die uns Arthur Schopenhauer heute so nahebringt, hat er doch diese Seite mit einer Leidenschaft, einer inbrünstigen Kraft und in unerreichter Pracht der Sprache dargestellt, wie nur ganz wenige auch unter den Größten. Was dabei ihm selbst an Menschlichkeiten unterlaufen sein mag, das gehört zur vergänglichen Person; was er aus seiner Sehnsucht heraus geschrieben hat, gehört zu dem Gewaltigsten, was deutscher Geist gedacht und als Vermächtnis für alle europäischen Völker niedergelegt hat, die zum Teil in einem Taumel kollektivistischer Gesinnungen auch heute noch dahinleben und nicht einsehen wollen, daß dieser Kollektivismus als der Todfeind alles dessen erscheint, was jemals von den Genien der Völker an großen Schöpfungen und damit als Grundlagen ihrer Kultur hervorgebracht worden ist. Es mag sein, daß der einsame, allein kämpfende Schopenhauer den großen Schritt nicht für immer vollziehen konnte, den Goethe tat, als er Faust angesichts alles Leidens aussprechen ließ: „Allein, ich will!“ Nichtsdestoweniger bleibt für uns das große Ringen Schopenhauers um das Wesen dieser Welt ein für immer beispielhafter Kampf eines besessenen Wahrheitsfanatikers, eines Mannes, der vor sich und vor der Welt ehrlich bis zum letzten gewesen ist. Mag er aus der Gesellschaft, die er vom foetor Judaicus durchzogen erblickt, seine Augen nach einer entschwundenen Gedankenpracht des alten Indiens richten, mag er in einer Sehnsucht nach Aufgabe dieses triebhaften Daseins, nach den Lehren Buddhas ausgeschaut haben, im wesentlichen ist dieser große Kampf Schopenhauers eben doch ein germanischer, ein europäischer Persönlichkeitskampf gewesen, dessen Auswirkungen Jahrzehnte über Jahrzehnte die Seelen aller führenden Europäer ergriffen hat und sie ergreifen wird in aller Zukunft, so lange es noch persönlichkeitsstarke Europäer gibt.

Darum dürfen wir wohl bei Gesamtbetrachtung dieses kämpferischen Daseins ein Wort von ihm selbst, vielfach mißverstanden und doch ewig lebendig, als Abschluß der Wertung eines großen Lebens setzen:

Schopenhauer gesteht: „Ein glückliches Leben ist unmöglich: das Höchste, was der Mensch erlangen kann, ist ein heroischer Lebenslauf.“

Dieser eine Satz enthält den Verzicht auf innere Selbstgenügsamkeit. Er spricht aus die ewige Unbefriedigtheit des suchenden und kämpfenden Menschen; mag dieser wie immer geschaut und gewertet haben, mit fester Hand steht da geschrieben jenes Bekenntnis, das noch alle unsere Großen aus sicherem Instinkt als das ihre anerkannt haben. Ein heroischer Lebenslauf, sei es als Feldherr, sei es als Staatsmann, sei es als Künstler oder Denker, das ist der Stempel des Genies und ist in allen Lebenslagen das Kennzeichen des europäischen Menschen, die Schicksalsauffassung, die Wesensbewertung dieser Welt. Was immer von außen herankommen und was immer an inneren Bedrängnissen, an Leidauffassungen und Unglück hervortreten mag, sich diesem Schicksal nicht knechtisch zu beugen, aber auch nicht oberflächlich optimistisch an den Problemen des Daseins vorüberzugehen, sondern sich diesen Fragen heroisch zu stellen, das ist die Haltung aller großen Kämpfe im Leben der Völker, ist Gehalt alles wirklich großen Menschentums im einzelnen. Hier rückt Schopenhauer mitten ins Zentrum der Großen Europas, hier spüren wir in ihm jene Wärme und jenen rein menschlichen Kampf, der uns ihn über alles, was in Jahrzehnten gekommen und gegangen sein mag, so verwandt erscheinen läßt. Deshalb, wenn das Deutschland von heute Schopenhauers gedenkt, so gedenkt es eines großen Sohnes des deutschen Volkes, eines bis zum letzten tapferen Denkers, der sich auch nicht scheute, Menschen durch seine unbekümmerte Ehrlichkeit von sich zu stoßen, und der sein Werk erfüllte, weil er innerlich nicht anders konnte, weil er zutiefst fühlte, daß sein persönliches Schicksal gleichsam zum geistigen Schicksal von Generationen geworden war.

Wenn sich an diesem Tage Vertreter des deutschen Volkstums, aber auch Vertreter anderer europäischer Nationen treffen, um dieses Riesen im Reiche des Geistes zu gedenken, so bekennen wir damit, fern von aller Tagespolitik, uns zu einem gesteigerten Persönlichkeitsbewußtsein und zur verinnerlichten Wahrhaftigkeit vor uns selbst. Deutschland darf inmitten dieses Bekenntnisses stolz sagen: Arthur Schopenhauer, dieses weltumfassende Genie und dieser wahrheitsfanatische Charakter, er ist unser, er ist uns heute näher, als er es jemals den früheren Geschlechtern gewesen ist.


Quelle

  • Blut und Ehre IV, S. 94-109

Anmerkungen

Im Original gesperrt gedruckte Abschnitte sind hier kursiv wiedergegeben. Ergänzungen in eckigen Klammern.